Nadia und die Macht des Zaubersteins

Vielleicht war keiner der Animes, die wir früher auf RTL II gesehen haben, seiner Zeit so weit voraus, wie Nadia. Ausgestrahlt wurde die Serie, unter ihrem deutschen Originaltitel „Die Macht des Zaubersteins“, bei uns zuerst 1996 und dann noch einmal 2001. In Japan entwickelte sie sich schon zu Beginn der 90er Jahre zu einer der erfolgreichsten Anime-Serien ihrer Zeit. Aber genau dieser Erfolg wurde ihr zum Verhängnis.

Eine Serie mit Vorsprung? – Ja, aber…

Nadia war schon allein deshalb etwas Besonderes, weil sie eine abgeschlossene Handlung erzählte. Nach exakt 39 Episoden war Schluss. Aber auch inhaltlich hob sie sich ab. Angefangen bei Nadia selbst. Nadia, eine Woman of Color, wurde nicht platt und klischeehaft, sondern mit vielfältigen Eigenschaften und Charakterzügen dargestellt. Das war Anfang der 90er nicht selbstverständlich (und ist es leider bis heute nicht). Auch der Rest der Figuren ist auf den ersten Blick diverser gezeichnet, als bei vergleichbaren Produktionen. Die permanent mitschwingende Fortschritts- und Technikkritik wirkt ebenfalls eher untypisch für eine vermeintliche Kinderserie.

Dennoch wollen wir kein reines Loblied singen. Denn auch „Fushigi no Umi no Nadia“ war ein Kind ihrer Zeit. So werden die (wenigen) Frauenfiguren oft stark sexualisiert dargestellt und in einigen Dialogen zwischen männlich gelesenen Figuren, wird tief in die Chauvinismus-Mottenkiste gegriffen.

Nach Motiven von Jules Verne

Wem die Namen „Kapitän Nemo“ oder „Nautilus“ bekannt vorkommen, hat vermutlich entweder den Anime damals gesehen, oder schon einmal etwas von Jules Verne gehört. Der französische Schriftsteller gilt als einer der Begründer des Science-Fiction-Genres im 19. Jahrhundert. Seine Werke, wie „20.000 Meilen unter dem Meer“ (auf dessen Motiven Nadia lose basiert) oder „Reise um die Erde in 80 Tagen“ sind echte Klassiker. Die Macher*innen von Nadia haben sich an den Motiven Jules Vernes orientiert, bleiben aber nicht starr bei der Vorlage, sondern entwickeln sie weiter. Dabei geht die Geschichte – und die Verbindung zu Jules Verne – eigentlich auf eine Idee von Anime-Mastermind Hayao Miyazaki zurück. Aber dazu mehr im Podcast.

Die „schlimmen“ Episoden

Produktionstechnisch allerdings hat Nadia einige Probleme. Hat man die ersten 20 Episoden geschafft, kann einen gut und gerne das Gefühl beschleichen, plötzlich eine ganz andere Serie zu sehen. Die visuelle Qualität sinkt dramatisch, die Geschichten sind plumper erzählt und auch sonst scheint an jeder Ecke gespart worden zu sein. Der Qualitätsverlust ab etwa Episode 22 hat vor allem mit den katastrophalen Produktionsbedingungen zutun, mit denen man sich bei Studio GAINAX konfrontiert sah. Das führte zuletzt sogar dazu, dass das Studio – trotz des gigantischen Erfolges von Nadia – fast eine Million Euro (umgerechnet und inflationsbereinigt) Miese machte. Ein Glück nur, dass es gegen Ende der Serie mit der Qualität wieder bergauf geht.

Nadia – die Vorgängerin von Neon Genesis Evangelion

Wäre Nadia nicht gewesen, dann wäre „Neon Genesis Evangelion“ nicht der Anime geworden, der er am Ende wurde. So kann man die Aussagen von Nadia- und Evangelion-Schöpfer Hideaki Anno interpretieren. Und auch sonst findet sich viel von dem, was in Nadia einen Anfang findet, in Evangelion wieder. Nicht nur große Teile des Kreativteams im Studio GAINAX haben an beiden Serien gearbeitet, auch in der Serie selbst lassen sich Motive erkennen, die bei Evangelion weiter diskutiert werden. (Und haben wir erwähnt, dass es schon bei Nadia einen Adam zu sehen gibt?)

Für Feedback und Anregungen, kommentiert gern auf unserer Seite, schreibt uns eine Mail oder twittert und an @das_filmmagazin.

Shownotes

Brian Camp: Anime classics zettai! 100 must-see Japanese animation masterpieces

Yasuhiro Takeda: Notenki memoirs: studio Gainax and the men who created Evangelion

Kathryn Hemmann: Short Skirts and Superpowers: The Evolution of the Beautiful Fighting Girl

Jonathan Clements, Helen McCarthy: The anime encyclopedia: a guide to Japanese animation since 1917

Dani Cavallaro: The Art of Studio Gainax – Experimentation, Style and Innovation at The Leading Edge of Anime

Robbie McAllister: Twenty Thousand Leagues East: Around the World with Nadia: The Secret of Blue Water

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.