Ich vermisse das Kino! – Wie Corona das Filmeschauen verändert

Mehrere Autos stehen vor einer Leinwand.
In einem Autokino.

Gehen wir ins Popcorn-Kino? – eine Frage, auf die ich als Kind nur zu gern eine Zustimmung erhalten wollte. Erinnere ich mich an die Wochenendgestaltung in meiner Kindheit, kam von meiner Mutter oft der Vorschlag, ins Kino zu gehen. Meine Begeisterung war riesig, vor allem wenn wir das von uns liebevoll umbenannte „Popcorn-Kino“ besuchten.

Dabei handelt es sich um das privat betriebene „Metropol“, das älteste Kino meiner Heimatstadt Chemnitz. Es ist bekannt für seine niedrigen Preise und noch viel bekannter für eine einzigartige Kinoatmosphäre. Denn trotz vieler Modernisierungsmaßnahmen in den vergangenen Jahren ist die Nostalgie des 1912/1913 errichteten Gebäudes noch deutlich zu spüren. Für mich als Kind wurde es jedoch zum „Popcorn-Kino“, weil ich mich aufgrund der billigen Kinokarten immer über eine Tüte Popcorn freuen durfte. Aktuell bleiben aber die Puffmais-Maschinen in großen und kleinen Lichtspielhäusern kalt.

Mit Beginn der Corona-Krise reagierten einige Kinos zunächst mit freien Plätzen zwischen den Gästen, der Kapazitätsbeschränkung auf 100 Personen und der Konzentration auf den Online-Ticketverkauf. Dennoch ist Kino ohne Kontakt nur schwer umsetzbar, woraufhin alle Kinos in Deutschland zum Schutz vor zunehmenden Infektionen schließen mussten. Die wirtschaftlichen Auswirkungen sind schwerwiegend.

Ohne Publikum haben Kinobetreiber*innen keine Einnahmen – Fixkosten für Miete und Strom fallen in den meisten Fällen trotzdem an. Der Verlust aller deutschen Kinos beträgt laut Hauptverband Deutscher Filmtheater (HDF Kino) wöchentlich 17 Millionen Euro. Viele Kinos sind in ihrer Existenz bedroht und eine Rückkehr zum Normalbetrieb durch die Lockerung der Maßnahmen ist bisher nicht abzusehen.

James Bond 007: Keine Zeit zu Sterben, Mulan, Jean Seberg – Against all Enemies und Undine sind nur einige Beispiele für Filme, deren Kinostart verschoben wurde. Andere Blockbuster, die aktuell im Kinoprogramm zu finden wären, feiern stattdessen eine Streamingpremiere. So können zum Beispiel Der Unsichtbare oder Emma für 17,99€ bei Amazon Prime geliehen werden. Ein deutlich höherer Preis als man durchschnittlich für einen Kinobesuch zahlt, einhergehend mit dem Verlust der einzigartigen Kinoatmosphäre – klingt für mich nach einer Lose-Lose-Situation.

Streaming ersetzt nicht das Kino

Rückblickend verdanke ich meiner Mutter meine Leidenschaft für Kinobesuche. Diese Begeisterung hat sich jedoch vom Popcorn weg, hin zu der einzigartigen Stimmung im Kino entwickelt. Wichtig sind für mich die einzelnen Komponenten, die einen Kinobesuch ausmachen: Ein roter Vorhang, gemütliche Sessel, die Trailervorschau und zugegebenermaßen gehört auch der Popcorngeruch dazu.

Dabei mag ich es gern abwechslungsreich, weshalb ich die Kinolandschaft kennen und lieben lerne. Ob bekannte Kinokette, privat betriebenes Programmkino oder Freiluftkino, für mich zählt die Stimmung des im wahrsten Sinne des Wortes großen Kinos.

Beim Streamen auf der Couch binge-watche ich gern wahllos Filme und teste dabei meine Multitasking Fähigkeit durch einen Second Screen oder mit der parallelen Einnahme jeglicher Mahlzeiten. Dagegen widme ich einem Film im Kino meine volle Aufmerksamkeit, von der Herausforderung der Filmauswahl, über den eigentlichen Film bis hin zum einsetzenden Gedankenkarussell danach. Überteuerte Snacks, quatschende Sitznachbar*innen und die sozialen Ansprüche, die es nicht erlauben, das Kino in einer Jogginghose zu besuchen, sind die offensichtlichen Nachteile des Kinos gegenüber Streaming.

Jedoch können auch diese meine Enttäuschung über nicht stattfindende Kinobesuche aufgrund des Corona-Virus nicht verringern. Kino ist nicht nur einzigartig, sondern auch unberechenbar. Die Rahmenbedingungen des Kinos bewirken, dass ich mich viel intensiver auf das Filmerlebnis einlasse, als ich es zu Hause je würde.

Dennoch ist Streaming eine gefragte Alternative zum Kino, da das bestehende Angebot unabhängig von den Heimkino-Premieren attraktiv ist. Die zahlreichen Streaming-Anbieter locken mit einer riesigen Film- und Serienauswahl, sowie Flexibilität und Mobilität, worunter Kinos schon in der Vergangenheit litten. Um das Fortschreiten des Kinosterbens nach der Corona-Krise aufzuhalten, dürfen Streaming-Anbieter, unterstützt durch die aktuelle Situation, nicht zum Monopol für das Filmschauen werden. Einen solidarischen Lösungsansatz präsentiert zum Beispiel die Organisation Grandfilm On Demand, welche ihre Einnahmen über Streaming zur Hälfte mit Independent-Kinos teilt.

Alternative Autokino

Kino ohne Kontakt ist doch möglich. Davon zeugt das gegenwärtige Comeback der Autokinos, die ihren Ursprung in den 1930er Jahren in den USA haben. Am 31. März 1960 eröffnete das erste Autokino Deutschlands in Neu-Isenburg. Dieses Jahr feiern deutsche Autokinos ihr 60-jähriges Bestehen einhergehend mit einem unerwarteten Ansturm aufgrund der Corona-Krise. Genau zum richtigen Zeitpunkt möchte man meinen. Mit Fernsehen, Internet und Streaming war die Konkurrenz in den letzten Jahren groß und der Überlebenskampf dementsprechend hart.

Jedoch haben nicht alle der rund 20 Autokinos in Deutschland derzeit geöffnet, auch wenn sie als eine der wenigen kulturelle Einrichtung den strengen Auflagen gerecht werden können: Tickets werden vorab online gekauft und durch die geschlossene Autoscheibe gescannt, maximal zwei Personen und die eigenen Kinder dürfen im Auto sitzen, Snacks und Getränke können nicht vor Ort gekauft, sondern müssen mitgebracht werden und die Übertragung der Tonspur erfolgt über die Radiofrequenz. Doch Autokinos können nicht nur für Filmvorstellungen genutzt werden.

So wurden im Autokino in Düsseldorf mehrere Ostergottesdienste übertragen und im Kölner Autokino veranstaltete die Band „Brings“ ein Konzert. Statt Applaus wurde die Darbietung der Künstler mit Hupkonzerten oder aufblendenden Scheinwerfern gewürdigt. Zuletzt durften sich besonders die Filmfans in NRW über die Neueröffnung von Autokinos freuen, da dort teils lockerere Ausgangsbeschränkungen gelten. Zu den Premieren flimmerte in Düsseldorf „Lindenberg! – Mach dein Ding“ und in Marl „Der König der Löwen“ über die Leinwand. Auch am Flughafen in Dresden ist ein neues Autokino entstanden.

Autokinos schaffen es, die Vorteile eines Kinobesuches und Streaming miteinander zu verbinden. Die Leinwand ist groß genug, um die nötige Stimmung zu vermitteln. Zudem ist ein Besuch im Autokino ein seltenes Abenteuer. Die Intimität innerhalb des eigenen Autos erlaubt alle Vorteile, die man zu Hause auf dem Sofa genießen könnte. Die Rückbank kann mit mehr als ausreichenden Snacks präpariert werden und auch die Jogginghose muss nicht gewechselt werden. Satt Lose-Lose hier also eine klassische Win-Win-Situation.

Solidarität gefragt

Im Interview mit dem Kölner Magazin choices äußert sich Felix Bresser, der Leiter des WOKI Kinos in Bonn, besorgt über die Zukunft der deutschen Kinos über die Corona-Krise hinaus: „In einer Branche, in der viele kleine Kinos bereits vor der Krise auf Fördergelder und Unterstützung angewiesen waren, könnte die jetzige Situation dazu führen, dass gerade die kleinen Kinos schließen müssen. In Deutschland sind 60 Prozent der Kinos unabhängig und gehören keiner Kinokette an, da wird es in der näheren Zukunft gerade für kleine Kinos sehr schwer werden zu bestehen.“

Um Kinobetreiber*innen vor der Insolvenz und somit den Erhalt der Filmkultur über die Corona-Krise hinaus zu unterstützen, entstanden in den letzten Wochen verschiedene Hilfsaktionen. Unter dem Hashtag #HilfDeinemKino wird dazu aufgerufen, Kinos durch das Schauen von Werbung zu unterstützen. Das Kino erhält daraufhin den Betrag, den es auch beim Ausstrahlen des Werbespots vor dem Film erhalten hätte. Wer dazu keine Zeit hat, kann auf der Webseite der Initiatoren*innen direkte Spenden tätigen. Natürlich besteht auch die Möglichkeit über die Internetseite seines Lieblingskinos einen Gutschein zu kaufen und diesen später einzulösen.

Grundsätzlich ist es wichtig, sein Lieblingskino trotz Corona nicht zu vergessen und sobald es die Beschränkungen und die Gesundheit zulassen wieder ins Kino zu gehen, um die einzigartige Kinoatmosphäre zu genießen. Jede Unterstützung hilft, damit wir auch in Zukunft noch ganz großes Kino erleben dürfen!

Bei weiterem Interesse liefert unsere Podcast-Folge „Corona und die Filmbranche“ weitere Einblicke in die derzeitige Lage für Kulturschaffende. Wir haben mit drei Betroffenen gesprochen und blicken auch nach Hollywood.

*Ein Gastbeitrag von Anna Dotzek

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