Kapitalismuskritik

Kapitalismuskritik
In dieser Episode vom Filmmagazin sprechen wir über Kapitalismuskritike im Film.

Es wird euch nicht überraschen, aber die allermeisten Filme, die wir im Kino oder zu Hause sehen, hatten von Anfang an vor allem ein Ziel: Geld verdienen. Das ist auch gar nicht so verwerflich – ist das Filmemachen doch häufig eine sehr teure Angelegenheit. Irgendwo müssen die Moneten für die Blockbuster schließlich herkommen. Der Markt regelt das schon, nicht wahr? Aber Filme sind nicht nur selbst Produkte des Kapitalismus, sie beschäftigen sich auch mit ihm.

In unserer Jahresabschluss-Folge haben wir uns gefragt, wie und warum Filme den Kapitalismus kritisieren. Dazu schauen wir aufs große Ganze, beschäftigen uns aber auch mit einer sehr spezifischen Darstellungsform. Uns ist aufgefallen, dass Fischkonservenfabriken in Filmen mehr sind, als eine bloße Aneinanderreihung von Fließbändern, stinkenden Fischbergen und schweren Maschinen. Häufig stehen Konservenfabriken stellvertretend für die Ausbeutung von Arbeiter*innen und handeln von der Schwierigkeit, die eigenen Lebensbedingungen zu verbessern.

Von Konserven und abgetrennten Fingern

Dass Konservenfabriken in Filmen oftmals für habgierige Kapitalbesitzer stehen, war zunächst nur eine These, die wir natürlich überprüfen mussten. Tatsächlich fanden wir in Kanada jemanden, der sich sehr gut mit solchen Fabriken auskennt. Mimi Horita ist Pressesprecherin bei der Gulf of Georgia Cannery und erzählt uns im Interview viel über die nordamerikanische Fisch- und Konservenindustrie.

Gulf of Georgia Cannery
Die Gulf of Georgia Cannery

Die Fabrik liegt im beschaulichen Steveston, einem Stadtviertel von Richmond, und ist heute eine nationale Gedenkstätte sowie ein Museum. Vor über 120 Jahren wurde die riesige Anlage gebaut und war damals die größte ihrer Art – daher auch der Spitzname “Monster Cannery”. Die Arbeit in der Fabrik war hart, schlecht bezahlt und äußerst gefährlich, sagt Mimi. Filme, die sich darauf kritisch beziehen, liegen ihrer Meinung nach oft sehr richtig.

Die Eigentümer haben die Arbeiter*innen ausgenutzt. Es war eine sehr gefährliche Arbeit, sie arbeiteten viele Stunden. Ich denke, es ist daher richtig, die Konservenfabrik als Symbol für den Machtkampf und die Erfahrungen zu verwenden, die Menschen durchmachen mussten, um sich im Kapitalismus etwas aufzubauen. Vor allem an einem Ort, der so brandneu war, wie die Westküste Kanadas. Es war so wild und neu, dass es keine Gesetze und keinen Schutz durch Gewerkschaften gab. Es ist also sehr repräsentativ.

Mimi Horita, Pressesprecherin Gulf of Georgia Cannery

Im Interview sprechen wir darüber hinaus über Steveston als Film-Location. Das ehemalige Fischereidorf und seine Konservenfabrik waren in der Vergangenheit schon mehrmals Drehort für verschiedene Film-Crews. Hier haben schon Akte X, Godzilla (2014) und Power Rangers (2017) die Kulisse für ihren Film genutzt.

Kapitalismuskritik im Laufe der Zeit

Konservenfabriken sind aber bei weitem nicht das einzige Bild, das in Filmen genutzt wird, um den Kapitalismus darzustellen und zu kritisieren. Zusammen mit dem Medienwissenschaftler und Filmkritiker Jan Distelmeyer sprechen wir über Charlie Chaplins Klassiker Modern Times und den Wandel in der Darstellung unserer Gesellschaftsordnung. Während früher eher die harschen Arbeitsverhältnisse in Betrieben im Mittelpunkt standen, sind es heute besonders das Spekulationsgeschäft an der Börse – in Filmen, wie Der große Crash – Margin Call, The Big Short und Wolf of Wallstreet.

Ganz besonders steht die Börse im Mittelpunkt der Filme, die sich mit der Finanzkrise 2007/2008 beschäftigen. Das sind alles Filme, die das Bild geprägt haben, wie ein kapitalismuskritischer oder vermeintlich -kritischer Hollywood-Spielfilm aussehen könnte.

Jan Distelmeyer, Medienwissenschaftler
Jan Distelmeyer im Filmmagazina
Jan Distelmeyer im Filmmagazina

Im Gespräch diskutieren wir aber auch darüber, wie Kritik überhaupt entsteht und sich verändern kann. Filme sind eine Teamarbeit und entstehen in Hollywood nicht nur aus dem Kopf eines einzelnen (meist männlichen und weißen) vermeintlichen Genies. Es gibt daher viele Einflussfaktoren, die bestimmen, wie wir einen Film wahrnehmen und interpretieren. Ob wir in einem Film Kapitalismuskritik entdecken, hängt deswegen auch davon ab, in welchen Lebensumständen wir uns befinden.

Linkliste – Shownotes

Allgemeines

Konservenfabrik im Videospiel The Outer Worlds

Film The Silver Horde (1930) auf Youtube

Übersicht über einige Filme mit Konservenfabriken

Film Modern Times (1936) auf Youtube C

Gulf of Georgia Cannery

Webseite des Museums

Dokumentationsfilm über die Fischerei-Industrie an der kanadischen Westküste

Die Konservenfabrik als Film-Location

Jan Distelmeyer

Jan an der FH Potsdam

Buch “Katastrophe und Kapitalismus: Phantasien des Untergangs” auf Amazon

Geschrieben von
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