Action ohne Struktur – Wieso Pacific Rim: Uprising enttäuscht

©︎ Legendary Pictures/ Universal Pictures
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Gute Action bemisst sich nicht daran, wie gut die Effekte sind oder welche Schneise der Zerstörung sie hinterlässt. 2013 traten, schlugen und feuerten die Jaeger in Pacific Rim das erste Mal gegen die hochhäusergroßen Kaijus. Guillermo Del Toros Mecha-Monster-Gekloppe hat zwar verdammt gute Effekte und nach jedem Aufeinandertreffen der Bestien bleiben von den in Mitleidenschaft gezogenen Metropolen nicht mehr viel übrig, doch macht das Ansehen dieser bescheuerten Prämisse aus einem anderen Grund so viel Spaß. Del Toro versteht es, jedes Duell als dramaturgisch durchkomponierte Mini-Handlung zu inszenieren. Eine Eigenschaft, die dem Nachfolger leider völlig fehlt.

Die Ruhe vor dem raketenbetrieben Kinnhacken

In Pacific Rim: Uprising, welches schon durch seine fehlende Zwei im Titel deutlich macht, dass es sich eher um ein Spin-Off, eine Neuausrichtung, handelt, beginnt fast jede große Action-Sequenz unvermittelt. Das muss nichts Schlechtes sein, wenn man als Zuschauer ohne großes Vorgeplänkel ins Getümmel geschleudert wird. Doch erkennt man meistens langweile Action daran, was kurz davor passiert oder eben nicht passiert. In Uprising wird der Hauptcharakter mitsamt seinem übergroßen Roboter-Kollegen an einem Punkt der Geschichte zu einer verlassenen Basis ins kalte Russland geschickt. Irgendetwas Wichtiges, soll hier versteckt liegen – ein kleines Mysterium wird hier also aufgebaut.

Der Roboter stapft durch den Schnee, sein Visier ist völlig vereist, vor ihm eine riesige Eiswand und… BOOM, Rakete im Rücken, Action startet. Aus dem Nichts taucht der Widersacher auf und boxt drauflos. Kein langsames Abwarten, keine Anzeichen, dass hier irgendetwas nicht stimmen könnte. Gefühlt 10 Sekunden nachdem die Location betreten wurde, startet auch schon der Kampf. Dieser hastige Beginn signalisiert dem Zuschauer schon: Ach, das Drumherum ist nicht so wichtig, hier friss die Action und gut ist.

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Ein kurzer Ausschnitt einer Action-Szene aus Pacific Rim: Uprising. Sehr häufig wird auf die Cockpits geschnitten und sollen so die Auswirkungen auf einen Schlag visualisieren. Diese Reaktionen wirken nur irgendwie recht kraftlos.

Schnitt auf den Anfang von Teil eins. Die beiden Piloten bereiten sich auf ihren Einsatz vor, ziehen ihre Anzüge an, betreten den Kopf des Riesens. Eine Plattform transportiert ihn ins Meer und mit gewaltigen Schritten bewegt sich der mechanische Koloss zu seinem Ziel. Ein winziges Boot und seine Besatzung muss nämlich gerade miterleben, wie sich ein Kaiju vor ihnen aufbaut. Zuerst sieht man nur seine Gliedmaßen, dann den gewaltigen Rücken bis es sich vollständig aus dem Wasser erhoben hat. Beginn des ersten Kampfes. Diese fünf Minuten vor dem eigentlichen Start der Action erfüllen gleich mehrere Ziele.

Wir erfahren, wie ein Jaeger aufgebaut ist, wie sie funktionieren und bekommen eine Ahnung von den Größenverhältnissen der beiden Kontrahenten. Auch alle folgenden Action-Szenen bekommen eine kleine Einführung und starten nie aus dem Nichts. So baut sich eine Erwartungshaltung auf, wenn man zuerst nur den Schatten des Monsters sieht und nicht genau weiß, was als nächstes passiert. Sprüche wie „Oh Mein Gott, da kommt ein Kategorie-5-Kaiju“, sind zwar kein Shakespeare, machen aber im besten Fall Bock auf die nächsten Minuten.

Ein auf und ab der Schläge

Kommt es nun zum Treffen der ungleichen Ungetüme in Pacific Rim, lässt sich vorher nie genau vorhersagen, wer siegreich sein wird. Bereits am Anfang wird klar gemacht, dass die Helden auch verlieren können und sich jedes sicher geglaubte Duell ins Gegenteil umkippen kann. Jeder Kampf hat viele einzelne Manöver und Konter, die den Gegenüber überraschen und wieder eine Gegenreaktion auslösen. So ergeben sich immer wieder kleine Siege und Niederlagen, die dem bisherigen Verlauf der Action eine neue Richtung geben.

Ein Beispiel gefällig? Man schaue sich nur mal die gesamte Hong-Kong-Sequenz im ersten Teil an. Kaijus kommen überraschend aus dem Wasser gesprungen, Jaeger vollführen Pirouetten und tänzeln ihre Gegner aus. Dann Überraschung, die Monster können Säure verschießen und eine EMP-Welle auslösen. Die Reaktion der Gegenseite: der atombetriebene Jaeger muss den Tag (oder besser gesagt die Nacht) retten.

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Dieser scheint zunächst auch zu gewinnen, vereist den Körper des Kaijus und reißt ihm die Säure-Drüse aus dem Rachen. Aber dann fällt dem brüllenden Viech glücklicherweise ein, dass er ja Flügel besitzt und seinen Feind einfach hilflos in die Stratosphäre befördern kann. Der Triumph ist nah, bis den Piloten glücklicherweise einfällt, dass sie ja ein Schwert haben. Ist das alles ganz schön bescheuert und haarsträubend unlogisch? Sicherlich, aber zur selben Zeit auch wunderbar abwechslungsreich und initiiert Momente, an denen man einfach „Fuck Yeah“ rufen will.

Uprising hingegen verzichtet fast vollkommen auf diese Momente und nutzt sie meistens nur in den ersten 10 bis 20 Sekunde eine überraschende Mini-Wendung, um die Besonderheit des Kontrahenten zu zeigen. Im weiteren Verlauf bleibt die Spannungskurve aber meistens, wie mit Sekundenkleber versehen, auf dem Boden haften. Zwar schafft es auch Daredevil-Regisseur Steven S. DeKnight, bildgewaltige Panoramen und flüssig ineinander übergehende Choreographien auf die Leinwand zu bannen, doch kommt er nie an das Spektakel von Del Toro heran. Uprising unterhält auf einem Niveau, dass immer nur das Mindestmaß an naiver Unterhaltung bietet, aber es nie wagt, diesen harmlosen Krawall mit Finesse auch wirklich zu feiern.

Bis auf das Finale spart sich Pacific Rim: Uprising fast jeden inszenatorischen Höhepunkt auf und spult seine Action manchmal lustlos, manchmal überladen ab. Dass die Kamera dann meistens auch noch zu nah am Geschehen ist, kann man als Fußnote notieren.

Verpassten Chancen

Völlig unverständlich ist das mehr oder weniger herausgestrichene Main-Theme von Ramin Djawadi. Das sorgt im Zusammenspiel mit den sehr physischen und kraftvollen Kämpfen im ersten Teil für noch launigere Zweistunden. Für die Fortsetzung wurde der Game-of-Thrones-Komponist durch John Paesano und Lorne Balfe (ein Lehrling von Hans Zimmer) ersetzt, die leider nur uninspiriertes Gedröhne und Geschnaufe zu Stande kriegen. Bis auf eine völlig langweilige Reparatur-Montage kommt das Stück gar nicht vor und verschenkt damit eine ganz einfache Gelegenheit, um die Action ein paar Gangstufen nach oben zu hieven. Man muss sich die Situation in etwa so vorstellen, als hätte Irvin Kershner (oder George Lucas) beschlossen, das Leitthema der Macht, Binary Sunset, in Episode V nur in einer einzigen Szene zu verwenden, als sich Luke Skywalker gerade die Schuhe zuschnürt.

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Wer sich das Making-Of zu Pacific Rim ansieht, der erfährt, dass Del Toro die Steuerzentrale der Jaeger wirklich nachbauen ließ und die Schauspieler nicht vor einem Greenscreen standen. Er wollte ein Gefühl ähnlich zu Weltkriegs-Panzern erzeugen und bezeichnete die Konstruktion als Freizeitpark-Attraktion und „Folterwerkzeug“, weil die Schauspieler herumgewirbelt wurden und literweise Wasser ins Gesicht gespritzt bekamen. Durch den sehr mechanischen Look der Cockpits aus Schrauben, Schläuchen und dampfenden Getriebewinden wirkte die Zerstörung im Film noch wuchtiger.

Ganz und gar nicht wuchtig sind viele Kämpfe in Uprising, da meistens viel zu häufig auf die Cockpits geschnitten und dadurch jedes Tempo zunichtegemacht wird. Bei vielen Schlägen vermisst man schmerzlich einen satten Sound oder Kamerafahrten, die die Action noch einmal extra in Szene setzen. Durch den 10-Jahre-Zeitsprung im Nachfolger sieht das Innere der Roboter auch sehr viel digitaler aus und verliert ein wenig den rauen Charme des ersten Teils. Es fehlt einfach diese Detailverliebtheit – im Großen wie im Kleinen.

Fazit: Belangloser Aufguss

Ich glaube, meine Abneigung gegenüber Uprising wurde recht deutlich. Der Film hat leider noch sehr viele weitere Probleme mit gähnend-langweiligen Charakteren, einem forcierten Humor und einer Handlung, die scheinbar nicht mal die simple Geschichte des ersten Teils verstanden hat und einfach etablierte Regeln bricht oder ignoriert. Doch wäre das alles halbwegs verschmerzbar gewesen, wenn die Action ein ähnliches Level erreicht hätte wie Pacific Rim.

Natürlich muss der zweite Teil nicht einfach das Feeling seines Vorgängers kopieren und findet am besten seinen eigenen Stil. Besonders, weil ein neuer Regisseur auf dem Stuhl sitzt und viele Hauptcharaktere nicht zurückgekehrt sind. Doch fällt das Endergebnis so deutlich gegenüber dem fünf Jahre alten Vorgängers ab, dass es schmerzt.

Man könnte meinen, dass man mit dieser Waffe coole Momente kreieren kann. Doch mehr als diese Metallkugel zu schmeißen, fällt den Machern auch nicht ein.

Guillermo Del Toro hat mit Pacific Rim beileibe keinen perfekten Hirn-aus-Action-Film geschaffen, doch glänzt der Film gerade dann am hellsten, wenn es richtig zur Sache geht. Jede Action-Sequenz hat einen Beginn, Mittelteil und ein klares Ende. Dadurch können sie mit dieser Struktur spielen, Überraschungen einstreuen und sie besser in die überspannende Geschichte integrieren.

Dazu ein fetter Soundtrack, eine tolle Ausstattung und fertig ist der Actionbraten mit der Extraportion Liebe. Uprising ist demgegenüber nur ein fader Nachtisch, der gerade so noch schmeckt, aber noch beim Herunterschlucken direkt wieder vergessen ist.

Geschrieben von
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