Loveless

Zhenya (Maryana Spyvak) und Alyosha (Matvey Novikov) in der Küche © Alpenrepublik
Zhenya (Maryana Spyvak) und Alyosha (Matvey Novikov) in der Küche © Alpenrepublik


Die fetten Jahre sind vorbei. Mit Loveless liefert Andrei Swjaginzew das nächste Drama ganz im Stile von Leviathan (2014) ab und heimst mal wieder Nominierungen ab u.a. als Bester fremdsprachiger Film bei den Golden Globes und den Oscars. Die ganzen Lorbeeren sind auch nicht ganz grundlos, Swjaginzew paart ein Familiendrama mit Gesellschaftskritik an Russland und eigentlich der ganzen kapitalistischen Welt. Einer Welt bei der es immer Verlierer geben muss.

Zhenya (Marjana Spiwak) und Boris (Alexei Rosin) stehen vor den Trümmern ihrer Ehe. Zu Hause wird noch gestritten und draußen wird schon das nächste Leben geführt. Sie hat bereits einen neuen gut aussehenden Mann gefunden und suhlt sich in ihrem Narzissmus, falschen Schönheitsidealen und der ewigen Suche nach dem wahren Leben. Er ist bereits im Begriff eine neue Familie zu gründen, denn die neue Freundin ist bereits schwanger. Nur gehört sein Chef einer fundamentalistisch-religiösen Gattung an und Boris steckt in der Bredouille, wie er den Spagat zwischen der unheiligen Scheidung und der neuen Liebe auf Arbeit über die Bühne bringen kann. Das Alles ist nicht genug. Das Ehepaar hat auch einen Sohn, Alyosha (Matwei Nowikow), für den keiner der Beiden verantwortlich zu sein scheint. Als er bei einem Streit miterlebt, dass er  in dem neuen Leben von Zhenya und Boris nicht mehr gewollt ist und auch noch auf ein Internat soll, verschwindet Alyosha einfach. Von der Polizei allein gelassen, macht sich die Noch-Familie mit einer freiwilligen Suchmannschaft auf die Suche nach dem 12-Jährigen und vielleicht auch auf die Suche nach sich selbst.

Die Vermischung von Familiendrama und Gesellschaftskritik gelingt Andrei Swjaginzew mal wieder hervorragend. Egal, ob die neue Religiosität, der Selfieismus von Zhenya oder der Aufbruch der traditionellen, russischen Familien-Strukturen. Dabei werden sehr vielfältige Themenbereiche, nicht nur der russischen Gesellschaft, tangiert, ohne es plump ins Gesicht zu drücken. Beispielhaft ist eine Szene von Zhenya und ihrem neuen Freund in einem Restaurant, bei der nicht zufällig ein paar junge Damen am Nebentisch auf die Liebe und das Selfie anstoßen.

Auch die Schauspieler können hier überzeugen. Ihre Wucht und Emotionen im ehelichen Kampf drücken einen in den Kinositz, dass man sich am liebsten verstecken möchte, weil man es nicht erträgt. Vor allem Matwei Nowikow, trotz seines recht kurzen Auftritts und seines Alters, hinterlässt einen bleibenden Eindruck, das einem die Kinnlade von ganz alleine runterklappt. Die deutsche Synchronisation könnte hier für Abstriche sorgen. Das haben wir auch bei einer unserer Ausgaben von Trendige Trailer angesprochen.

Den einzigen Vorwurf, den man Loveless machen kann, ist, dass er einige Parallelen zu Leviathan aufweist und damit vielleicht zu sehr auf der Stelle tritt. Wer nun bereits 2014 in den Swjaginzewschen Mikrokosmos versinken konnte, der wird sich auch mit Loveless anfreunden können.

Vor dem Gang ins Kino empfehlen wir auch unsere Podcastfolge zum Thema Osteuropäische Filme.

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