Wie Pixar das Geschichtenerzählen gemeistert hat

Ende des Monats erwartet uns mit Coco der nächste Ausflug in die kreativen Köpfe der Männer und Frauen aus Emeryville, Kalifornien. Die Animationsschmiede hat im Laufe ihres Schaffens zahlreiche Klassiker aus dem Computer heraus geschaffen und konnte damit schon die wichtigsten Filmpreise des Planeten gewinnen. Bis man jemanden finden würde, der Pixar-Filme grundsätzlich schlecht findet, läuft einem wahrscheinlich eher eine Person über den Weg, die Emoji – The Movie als launige Abendunterhaltung bezeichnet. Doch wie schaffen es ihre Filme regelmäßig auf Jahresbestenlisten und genießen einen so außergewöhnlich guten Ruf? Pixar schafft es mit dem wohl offensichtlichsten Werkzeug der Filmbranche: Geschichten gut zu erzählen.

In Coco steht das mexikanische Fest der Toten im Fokus.

Erstes Bauteil: Die obskure aber bekannte Welt

Bevor man sich eine dramatische Geschichte mit nägelzerkauender Spannung und abwechslungsreichen Charakteren ausdenkt, steht bei Pixar zunächst die Welt im Vordergrund. Hier spielt sich die Geschichte ab, hier treffen denkwürdige Personen und Szenen aufeinander. Häufig wählen sie dazu Welten aus, die im ersten Moment frisch und neu wirken. Eine Ameisenkolonie mit gesellschaftlichen Strukturen wie in Das große Krabbeln oder eine zum Leben erweckte Spielzeugkiste in Toy Story.

In Ratatouille lernen wir das Restaurantgeschäft mit seiner knochenharten Arbeit und eingebildeten Mitarbeitern durch die Augen einer Ratte kennen. Doch so verrückt sind diese Welten meistens gar nicht. Sie alle funktionieren nach sehr bekannten Mustern. Die Ameisenkolonie schuftet für gierige Aggressoren und muss nach einem Unfall von vorne anfangen. Ratte Rémy ist der klassische Außenseiter, der sich nach oben durchboxen bzw. kochen muss (Rocky lässt grüßen). Und die Unterwasserwelt aus Findet Nemo zeigt im Kern nicht mehr als eine simple Vater-Sohn Beziehung, die auf Verlustängste und Vertrauen basiert.

Pixar ebnet ihre kreativen Visionen mit Charakteren und Ereignissen, die nicht viele Erklärungen brauchen und jeder nachvollziehen kann – sie werden greifbar. Sie verzahnen somit den Makrokosmus des unbekannten Szenarios mit bekannten Elementen im Mikrokosmus. Dadurch haben wir kein Problem, eine Welt zu akzeptieren, in der Monster durch Dimensionstüren kleine Kinder erschrecken und mit ihren Schreien Energie für eine Stadt produzieren. Das AG in Monster AG hat eben ein Pedant in der Wirklichkeit.

Zweites Bauteil: Detailreichtum mit klaren Regeln  

Doch nicht nur etablierte Elemente ebnen die Welt. Auch ein in sich logisch funktionierendes und aufs nötigste erklärte Regelwerk, hilft Akzeptanz beim Zuschauer zu erreichen und ihn gleichzeitig zu überraschen. Paradebeispiel sind hier sicherlich Alles steht Kopf und Wall-E. Das Raumschiff, welches das Zuhause der vor Faulheit und Konsum durchzogenen Besatzung ist, steckt so voller Details und witzigen Ideen, dass der Film unglaublich reichhaltig daherkommt. Die meisten Menschen und Roboter bewegen sich zum Beispiel auf fest definierten und visuell klar gezeichneten Linien, die sie lieber nicht verlassen sollten. So wird wunderbar einfach und klar kommuniziert, was in dieser Gesellschaft schiefläuft.

Das Emotionskarusell in Alles steht Kopf zeigt nicht nur das Gehirn als Schaltzentrale mit fünf verschiedenen Kapitänen am Ruder, wir erfahren auch, warum wir gerne mal eine Telefonnummer vergessen oder in unseren Träumern immer wieder dieses Einhorn mit Starallüren vorkommt. Statt von dieser Welt mit all ihren versteckten Ecken im Vorfeld mit ausschweifenden Erläuterungen gelangweilt zu werden, sieht der Zuschauer sie ganz natürlich und kann sie mit den Charakteren auf ihrer Reise zusammen entdecken. Das Prinzip Show Don´t Tell hat Pixar verinnerlicht. Ihre besten Filme sind wunderbares Material für Interpretationen und Szenenanalysen, weil sie immer mehr bieten, als auf dem ersten Blick ersichtlich ist.

Tragik und Humor in einer Figur vereint: Dory.

Drittes Bauteil: emotionale Falltiefe

Klar, der Punkt musste wohl kommen. Wer sich über Pixar-Filme unterhält, spricht zwangsläufig über diese super traurige Montage aus Oben oder die Abschlussrede des Restaurantkritikers aus Ratatouille. Pixar schmeißt aber nicht nur Szenen mit Tod, Trauer und bittersüßer Note zusammen, sondern weiß um die nötige Kraft ihrer Charaktere Bescheid, die sie entsprechend ihrer Motivation lenken. Carls und Ellies wunderschöne und zugleich tragische Geschichte aus Oben dient nicht zum Selbstzweck, sondern ist die Grundlage fürs Carls handeln und grantige Lebenseinstellung im Rentenalter. Mit dieser gesetzten Dramaturgie versteht der Zuschauer die Figur Carl und ist emotional involviert, wenn er am Ende zulässt, noch einmal einen anderen Menschen an sich ranzulassen.

In Die Unglaublichen wird das klassische Einmaleins aus Superhelden müssen Welt retten, auf eine einfache Familienkonstellation heruntergebrochen. Dabei wird nicht nur die Bedrohung aufgehalten und der böse Bösewicht aufgehalten, sondern im Grunde eine Familie gerettet, die auseinanderzubrechen drohte. Das klingt abgedroschen und ist es eigentlich auch, Pixar versteht diese bekannten Klaviertasten aber sehr effektiv zu spielen und schafft Charaktere, die wirklich etwas zu verlieren haben.

Viertes Bauteil: Sie nehmen sich ernst

Der französische Bankräuber heißt Bomb Voyage, ein Seepferdchen hat eine Wasserallergie und eine Raupe bekommt Mini-Schmetterlingsflügel: Pixar-Filme sind vor allem verdammt witzig und leichtherzig. Anders als die Disney-Kollegen vom MCU verkommt ihr Humor aber nie zur plumpen Schrotflinte, die nicht zwischen Freund und Feind unterscheiden kann.

Die beschriebenen herzerwärmenden Szenen werden nicht durch Witze oder bewusste Ironisierung gebrochen. Eine pathetische oder emotionale Szene darf auch mal für sich stehen, ohne dass der nächste Schenkelklopfer um die Ecke schielt. Bösewichte werden vom Film ernst genommen, obwohl sie teils völlig überstilisiert werden wie Imperator Zurg aus Toy Story 2. Die Geschichte wird durch die Witze, Anspielungen und Spielereien nicht unbedingt besser, bekommt aber ein flotteres und abwechslungsreicheres Erzähltempo.

Bis heute der wohl beste Verfilmung von Fantastic Four.

Fazit

Natürlich sind diese Bausteine nur eine grobe Einteilung der Erzähltechnik von Pixar-Filmen. Filme wie Merida oder Arlo & Spot haben ein weniger exotisches Szenario, zeigen aber in ihren besten Momenten ähnliche Stärken wie die bereits erwähnten. Cars gehört auch nicht unbedingt zu ihren Meisterstücken, aber irgendwie schaffen es die Kalifornier, immer eine gewisse Wärme in ihre Filme zu pumpen, der man sich nur schwer entziehen kann.

Und auch die Formel von Pixar hat ihre Schwächen und wiederholt sich, bringt aber auch immer wieder Oscarmaterial hervor. Hoffentlich reiht sich hier auch Coco ein und entführt den Zuschauer wieder in eine völlig abgedrehte und detailverliebte Welt, bewohnt von Charakteren mit nachvollziehbaren Konflikten und innerer Zerrissenheit; und mit guten Gags, die wissen, was sie in den Hintergrund treten müssen. Ziemlich simpel, oder?

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Bilder:  © 2017 Disney • Pixar. All Rights Reserved.

Über den/die Autor/in

Martin Dietrich
Martin Dietrich

Martin Dietrich war beim Filmmagazin erst nur ein kleines Licht. Durch eine sehr intelligente und unblutige List konnte er sich den zweiten Moderationsplatz ergattern. Jetzt geht er auch nicht mehr weg und lässt jeden wissen, dass Tom Hardy und Emma Stone als Götter vom Himmel herab kamen und uns den Film schenkten.

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