Feminismus und Blade Runner

Im Zuge des Nostalgietrends und der damit verbundenen Flut an Remakes, ist nun auch der neue Blade Runner in den Kinos angekommen. Wer wissen will, ob es sich lohnt ins Kino zu gehen, sollte hier kurz reinhören. Aber in diesem Beitrag soll es um das Original gehen. Blade Runner entstand 1982 und gilt auch heute noch als einer der großen Science-Fiction-Klassiker. Das hat Anita Sarkeesian zum Anlass genommen, den Film einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Unter Filmfans hat das große Wellen geschlagen. Auch Nerdcore hat sich im Podcast damit auseinandergesetzt. Weil ich beim Hören der besagten Sendung leichte schmerzen verspürt habe, möchte ich jetzt mal meinen Senf dazu geben.

Zu Anita Sarkeesian und dem Hate

Anita betreibt das Blog Feminist Frequency und hat mit ihren Analysen von Videospielklassikern schon viel Hass geerntet. Was mich an dem Geschrei um sie am meisten ärgert ist, dass oft wenig reflektiert geschrien wird. Ich stimme ihren Analysen auch nicht hundertprozentig zu, aber finde es trotzdem wichtig und legitim Narrative zu hinterfragen, gerade solche, die als Klassiker und kulturell wertvoll gelten. Nur weil aufgezeigt wird, dass Videospiele einseitige und klischeehafte Frauenbilder bedienen, heißt das ja nicht, dass die Spiele verboten gehören. Es heißt aber, dass man Spiele durchaus anders konzipieren kann. Entwarnung für Super Mario, Link und Co.: Ihr dürft bleiben, aber eure Frauenbilder dürfen auch gerne entstaubt werden. Auch ich finde ihre Erläuterungen oft etwas einseitig. Die häufig gestellte Frage: “und was ist mit dem Männerbild?”, verstehe ich aber nur bedingt, schließlich soll ja spezifisch das Frauenbild analysiert werden.

Was hat das jetzt mit Nerdcore zu tun?

Ich hole zu weit aus. Eigentlich geht es mir um die Analyse die, René von Nerdcore und Markus von Gamergate zu Anitas Video gemacht haben. Die Grundidee der beiden fand ich eigentlich gut. Sie besprechen die Rezension, indem René pro und Markus contra argumentiert. Das scheint ja erstmal nach einem Versuch der Ausgewogenheit zu klingen. Wenn aber der “Fürsprecher” die Aufnahme beginnt, indem er sich als “Anwalt des Teufels” bezeichnet und noch einmal betont, dass er das eigentlich nicht so sieht, entwertet er die Position schon bevor die Sendung überhaupt begonnen hat. Schade.

Die Analyse der Analyse

Mein Grundproblem ist, auch auf die Gefahr hin, dass jetzt die Augen verdreht werden, weil abgedroschen: Es unterhalten sich zwei Männer über Kritik an Frauenbildern. Das muss man leider immer noch zu oft sagen, aber man kann vielleicht auch mal eine Frau einladen. Ich habe gehört, es gibt einige, die auch Podcasten.

Bevor ich mich an einzelnen Gesprächsfetzen abarbeite noch ein kleiner Hinweis: Ich habe den Podcast einmal ganz gehört und hatte mir vorgenommen, das Ganze noch einmal aufmerksamer anzuhören und mir dabei Notizen zu machen. Nach nur 20 Minuten Nachhören habe ich es nicht mehr ausgehalten. Markus’ Argumentation hat leichten Hass in mir aufkommen lassen und ich möchte ja schließlich gehaltvoll argumentieren.

Problem Nr. 1: Der Bezug zu Anita Sarkeesian

Aber fangen wir mal von vorne an: Die Herren sprechen zuerst über Anita und sofort wird klar, dass Markus kein Fan von ihr ist. Das sagt er auch so. An sich ist das kein Problem. Ich stimme ihr, wie gesagt, auch nicht bei allem zu. Er kritisiert, dass sie ihre Analyse als absolut hinstellt. Mich stört hier einfach, dass Markus Anita nur persönlich unsympathisch findet und deswegen an ihr herum kritisiert. Er merkt als negativ an, dass sie nur eine clevere Geschäftsfrau ist. Kann man keine überzeugte Feministin sein und damit Erfolg haben? Ist es schlimm, damit Erfolg zu haben? Und was hat das mit der Qualität ihrer Analysen zu tun? Das klingt leider alles etwas garstig. Mich würde interessieren, ob Markus auch anderen Youtubern ihren Geschäftssinn zum Vorwurf macht? Was ich damit sagen möchte ist: die beiden gehen schon sehr voreingenommen an das Video heran.

Problem Nr. 2: Zuhören hilft

Was mir besonders sauer aufstößt ist, dass die beiden die Kritik nicht ganz richtig verstanden zu haben scheinen. Sie unterhalten sich einen Großteil der Aufnahme darüber, wie Anita angeblich kritisiert, dass weibliche Androiden als Sexworker arbeiten. Allerdings tut sie das gar nicht. Sie sagt tatsächlich:

“You could argue that Blade Runner offers a valuable critique of how our culture opresses women.”

Blade Runner ist natürlich eine Dystopie und zeigt, dass die Welt aus den Fugen geraten ist. Nun werden keine echten Menschen mehr unterdrückt, sondern künstliche. Diese müssen die Aufgaben übernehmen, auf die “echte” Menschen keinen Bock haben. Das ist auch eine intelligente Metapher auf Rassismus. Damit kritisiert der Film gesellschaftliche Strukturen. Anitas Kritikpunkt ist eher die Lovestory zwischen Rachel und unserem von Harrison Ford gespielten Agenten. Deren Beziehung beginnt mit etwas, das Donald Trump mit “Grab her by the pussy!” beschreiben würde und wird tatsächlich als romantische Szene stilisiert, dank Saxophonmusik. Diese Szene hat in mir leichtes Schaudern ausgelöst.

Dieses komplette Missverstehen ihres Arguments sieht für mich nach einer Blockade aus. Viele haben ein bestimmtes Bild von Feminismus. Dabei ist dieser unglaublich vielseitig. Es gibt so viele Strömungen. Die meisten hören “Feminismus” und denken an alte Frauen, die ihre BH’s verbrennen, lange Achselhaare haben und Pornos verbieten wollen. Die gibt es zwar auch noch, sie stehen aber nicht für “den Feminismus”. Ich habe das Gefühl, die beiden hören das Wort “Patriarchat” und hören danach nicht mehr zu, denn sie sind mit ihren Assoziationen beschäftigt und nicht damit, was im Video gesagt wird. Schade.

Übrigens vermenschlicht nicht nur Anita die Androiden bei Blade Runner. Genau das will der Film ja mit uns machen. Er zeigt, dass die Grenzen zwischen Mensch und Maschine verschwimmen, dass der Mensch nicht besser oder menschlicher ist. Man dachte, man kann sich moralisch vertretbare Sklaven selbst bauen. Wenn diese aber ein eigenes Bewusstsein entwickeln, wird es schwieriger die eigene Erhabenheit zu rechtfertigen.

Problem Nr. 3: Whitewashing

Nach so viel Mansplaining, kam der zweite Themenkomplex in Anitas Analyse an die Reihe. In Blade Runner bewegen wir uns durch die Straßen von LA und vor allem in der Unterschicht. Die Stadt ist ein Schmelztiegel der Kulturen, erinnert an eine übertrieben erträumte Mischung aus Amerika und Japan. Dafür ist ist die Welt, die wir hier sehen, sehr weiß. Für eine Welt, die sich so düster und moralisch rückständig zeigt, würde man gerade in der Unterschicht eine vielfältigere Gesellschaft erwarten.

Bei Markus’ Kommentar zu diesem Punkt hat es mir dann endgültig die Fußnägel hochgerollt. Er spricht jegliche Grundlage für Kritik ab. Schließlich hatte ja Edward James Olmos, der mexikanischer Abstammung ist, eine Sprechrolle und hat nur dank dieses Films tolle Rollen bekommen. Die Konsequenz kann ja nur die Freiheit der Kunst beschneiden, weil arme Filmemacher gezwungen werden, nicht nur weiße Schauspieler zu besetzen. Ich überspitze das gerade etwas, aber diese Worte sind so ähnlich gefallen. Auch hier wird nicht ernsthaft diskutiert. Der Film steht auf einem zu hohen Podest, sodass keiner der beiden dran rütteln will. Schade.

Wirklich kritische Punkte an Anitas Analyse

Probleme von Anita’s Argumentation, die man eigentlich kritisieren sollte:

  • Sie analysiert sehr oberflächlich: Ihre Videos sind sehr kurz und damit vereinfacht sie das Ganze oft sehr stark. Der Film ist ja tatsächlich komplizierter als er scheint. Was mich aber in anderen ihrer Videos mehr stört.
  • Der Dystopie-Aspekt kommt zu kurz: Der Film zeigt eine düstere Zukunft, in der Menschen ihren Rassismus und Sexismus einfach auf Androiden übertragen haben. Man kann sagen, der Film zeigt, dass nur weil die Technologie besser ist, die Menschheit nicht unbedingt besser geworden ist.

Fazit

Schade ist wirklich, dass das, was als ausgeglichene Kritik eines Videos angesetzt war, eher aus Whitewashing, Mansplaing und Gedisse gegen Anita Sarkeesian als Person besteht. Man hätte auch einen ernsthaften Versuch starten können, sich mit einem Science-Fiction-Klassiker und feministischer Kritik daran auseinanderzusetzen. Aber gehaltloses Feminismus-Bashing ist eben einfacher.

Titelbild: Stadt: rafiki  / pixelio.de | Wüste: Ute Bibow  / pixelio.de | Trabi: I.Friedrich  / pixelio.de

Über den/die Autor/in

Anne Feuerhack
Anne Feuerhack

Anne Feuerhack moderiert das Filmmagazin schon von Anfang an. Als unsere Frauenbeauftragte achtet sie darauf, dass Martin, Lucas und Ilja nicht zu viel Spaß während der Sendung haben. Um die Wartezeit auf ihren Brief von Hogwarts zu überbrücken, befüllt sie Instagram mit Bildern ihrer krassen Strickskills und der Sexy Schweiz.

3 Kommentare

*

  • Danke für die ausführliche Kritik, die ich in großen Teilen nachvollziehen kann, die aber nicht den Kern des Podcasts trifft (was allerdings ebenfalls mein Fehler ist).

    Das Gespräch steht in einer Reihe mit einem weiteren Gespräch mit Markus über Gamergate und einem Journalisten, der wiederum über GG geschrieben hatte. In den Gesprächen gehts mir vor allem darum, auszutesten, wie man Brücken bauen kann zwischen Lagern, die angeblich total unterschiedliche Haltungen haben sollten – was sich oft als Trugschluss erweist. Dass dafür eine ausführlichere Kritik der FemFreq-Kritik leiden muss, nehme ich in Kauf – kann man aber klar kritisieren. Auch der Mansplaining-Vorwurf: Fair enough.

    Aber: Die Aussage „Devils Advocat“ bezieht sich rein auf Anitas Bladerunner-Kritik, nicht auf ihren sonstigen Output. Ich bin jetzt kein Fan, aber auch kein Gegner oder so und grade mit ihrem „Geschäftssinn“ habe ich so überhaupt gar kein Problem, im Gegenteil – und das sage ich auch so in diesem Gespräch (soweit ich mich erinnere, hab den jetz nich nochmal gehört für den Comment.)

    Das macht die Kritik jetzt inhaltlich nicht viel besser (wobei ich sie jetzt nicht so dramatisch schlecht fand, wie Du, aber ich bin auch biased 😉 – aber da das Ziel dieser Gespräche nicht unbedingt in einer fundierten FemFreq/Film-Kritik steckt, sondern im Gespräch selbst (und damit eher eine explorative Funktion hat), nehme ich auch das in Kauf (und die sich daran anschließende Kritik ebenso). In diesem Sinne nochmal: Dankeschön!

    • Danke auch, dass du dich nochmal so ausführlich geäußert hast. Ich wusste gar nicht, dass es zu einer Reihe gehört, vielleicht könnte man das bei der nächsten Episode im Artikel noch erwähnen. Dann kann man es besser einordnen, weil man weiß, dass es nicht um eine gute Analyse sondern um sehr unterschiedliche Standpunkte geht. So verstehe ich auch deinen Ansatz etwas besser und hätte den Podcast wahrscheinlich auch anders wahrgenommen.

      Ich bin über die Sendung gestolpert und hatte beim Hören einfach das Gefühl dem gerne eine andere Perspektive entgegenzustellen. Es klang eben alles ein wenig nach: “zwei Männer regen sich über Die Frauen auf.” Die Grundidee beide Pro und Contra gegenüber zu stellen, finde ich aber, wie gesagt, gut.

      Auch an dich nochmal Dankeschön, dass du dir Zeit genommen hast dich nochmal inhaltlich mit der Kritik auseinander zu setzen.

      Der Kommentar bezüglich Anita’s Geschäftssinn kam glaube ich von Markus. Ich habe bei ihm aber den Eindruck, dass er keine Gegenargumente hören oder Ernst nehmen will, sondern einfach nur am meckern interessiert ist. Dass ist mir zumindest bei seiner Kritik an meinem Blogbeitrag aufgefallen. Er hat das alles übertrieben persönlich genommen, obwohl ich versucht habe einfach die Probleme an seinen Argumenten aufzuzeigen. Mir geht es absolut nicht darum jemanden persönlich anzugreifen.

      Deine Rolle als “Devils Advocate” hat mir so ein bisschen das Gefühl gegeben, dass du deine Argumente nur bringst weil ihr vorher festgelegt habt, dass du diese Rolle einnimmst und nicht weil es auch deine Meinung ist, dadurch ist das bei mir etwas halbherzig angekommen. Aber mögen muss man Anita’s Kritik ja auch nicht. Ich konnte Ihren Analysen bis jetzt auch noch nie hundertprozentig zustimmen, finde aber gut, dass es einlädt Filme oder Games mal aus einer anderen Perspektive zu betrachten 🙂

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