Braucht “Es” eine Neuverfilmung? – die erste Verfilmung im Rückblick

Ein Rückblick auf “Stephen Kings Es” (1990)

Nervenkitzel und Schaudern des nachts nach Hause eilender Damen kann Stephen King auf sein Konto schreiben. Nicht zuletzt, weil er sich als Schöpfer des etablierten Bildes des Horrorclowns und somit als Inspiration frecher Rabauken verantwortlich schätzen kann, die mit Kasperkostüm und wahlweise Axt oder Kettensäge nächtliche Passanten in leergefegten Gassen ihre Beine in die Hand nehmen lassen.

Am 21. September feiert die Gruselroman-Ikone Stephen King seinen 70. Geburtstag. Als verspätetes Geschenk erscheint eine Woche darauf die Kinoverfilmung von „Es“, einem seiner meist gefeierten Schmöker, in den deutschen Lichtspielhäusern. Bereits 1991 konnten wir uns dem Schauer einer verbildlichten Version des Klassikers – einem Zweiteiler, verfilmt für das Fernsehen – hingeben. Ist nach knapp 20 Jahren nun die Zeit reif, den Clown mit dem guten Appetit für Kinder erneut zum Leben zu erwecken? Oder hätte man lieber das Intervall der 30 Jahre verstreichen lassen sollen, in dem „Es“ synchron mit rätselhaften Katastrophen in Erscheinung tritt und den Ort Derry heimsucht?

Mit ein wenig Anlaufschwierigkeiten…

Mit den ersten Einstellungen der Gruselverfilmung war es nicht der eiskalte Schauer, der mir den Rücken herunterlief. Vielmehr war es die Skepsis, die beim Filmschauen meine emotionale Verfassung dominierte. Es dauert keine fünf Minuten, bis das Publikum die titelgebende Clownsvisage zu Gesicht bekommt und das erste Mädchen der Horrorerscheinung zum Opfer fällt. Okay, ich hatte also noch zwei Stunden und 50 Minuten vor mir. Aber von dem schemenhaften Auftreten von Pennywise zwischen frisch aufgehangener Wäsche war ich bereits Zeuge geworden. Wie sollten sich bitte jetzt noch ein Anstieg des Gruselfaktors und ein entsprechender Spannungsbogen entfalten? Von Szene zu Szene sollte mir jedoch langsam gewahr werden, wie unbegründet meine Skepsis war.

Zu Beginn jedoch schürte auch das Auftreten der sieben jugendlichen Mitglieder des ‚Clubs der Verlierer‘ meine Zweifel an der Handlung. Ihr Schauspiel wirkte für eine Gruppe halbwüchsiger stereotypisch überspitzt. Zudem handelten die Hauptcharaktere scheinbar stets als Kollektiv, wesenseigene Charakterzüge wurden nicht herausgearbeitet. Es mag daran liegen, dass der Streifen bereits 26 Jahre auf dem Buckel hat, aber auch die musikalische Untermalung schien mir nicht so recht mit der durch das Bild vermittelten Stimmung kompatibel. So griff die Tongestaltung beim Streit inklusive Steinewerfen zwischen dem Club der Verlierer und ihren Erzfeinden (angeführt durch den Rowdy Henry Bower) der mit dem Bild assoziierten Aggressivität vor und schien eher das Resultat der Streitigkeiten zu vertonen – das Zusammenschweißen der Hauptfiguren. Die Stimmung von Musik und Bild passten schlicht und ergreifend nicht zusammen.

…kommt der Grusel in Gang

Eine unverkennbare filmische Qualität nimmt „Stephen Kings Es“ jedoch von Beginn an für sich in Anspruch, was man dem Werk zugutehalten muss. Der Regisseur Andrés Muschietti weiß die Montage zu seinem Vorteil und zur Etablierung einer unbehaglichen Grundstimmung zu nutzen. Die Morde, die Es zu Beginn seines Leinwandspektakels an den Kindern von Derry begeht, bleiben dem Zuschauer visuell vorenthalten. Stattdessen vermitteln uns Überblendungen und Schnitte von der Erscheinung des Clowns auf den mit Polizei und Rettungskräften überlaufenen Tatort oder auf die Trauergemeinde bei der Beerdigung, welches unheilvolle Grauen die Horrorgestalt vollbracht hat. Dieses Merkmal wird im Laufe der Szenen dahingehend entwickelt, dass es die Kameraarbeit innerhalb einer Szene prägt und für eine bemerkenswerte Steigerung des ohnehin schon bestehenden Schauereffektes sorgt. 30 Jahre nachdem sie in ihrer Jugend Zeugen der Schreckenstaten von Es wurden, wird die Heimatstadt der Protagonisten erneut heimgesucht. Die Settings, in denen sie sich mit dem Clown konfrontiert sehen, weisen von Einstellung zu Einstellung plötzliche Veränderungen auf. Von einem Schnitt zum nächsten hat sich die Umgebung wie durch Zauberhand verändert. Doch mehr, als einen beklemmenden Nervenkitzel zu erzeugen, passiert nicht – so wird die Balance zwischen tatsächlichem Schrecken auf der Leinwand und der durch Verdacht  erzeugten Aufregung aufrecht erhalten. Mithilfe von regressiven Montagen, die Schnitt um Schnitt mehr von den sich plötzlich verändernden Handlungsschauplätzen preisgeben und Zwischenschnitten auf die Mimik der Protagonisten, wird ein schauriger Eindruck von Wahnsinn hervorgerufen. Eine Nahaufnahme der erwachsenen Bev, die im Versuch, Pennywise auf den Grund zu gehen, im einstigen Haus ihres Vaters zwecks Spurensuche zu Besuch war, fängt nach dem überstürzten Verlassen der Wohnung ihre Furcht, ihre Verzweiflung ein. Der anschließende Wechsel zu einer Halbtotalen, die einen plötzlich zu ihren Füßen schwebenden Luftballon offenbart, macht das Ereignis grotesk. Als sie sich umdreht und die Kamera ihren Point of View teilt, werden dem Zuschauer die auf einmal mit Brettern verrammelten Fenster und Türen des Hauses präsentiert, aus dem Bev vor wenigen Sekunden noch geflüchtet ist.

Eine weitere Stärke der Kamera ist – wie eben schon angeklungen – die Nähe, mit der sie das Publikum an die handelnden Charaktere heranführt. Close-Ups heben exzellente mimische Darstellung der schockierten Protagonisten hervor oder betonen die fauligen Zähne eines abstoßenden Grinsens. Ebenso sorgen Kreisfahrten um die Charaktere herum dafür, dass sie in der zentralen Position des Handlungsgeschehens präsentiert werden. Ihre Euphorie beim Leisten des Schwurs, Pennywise zu jagen, ihr Selbstvertrauen, wenn sie sich einreden, er sei nur ein Hirngespinst, schlicht und ergreifend die akzentuierte Darstellung ihrer Emotionen ermöglicht uns Zuschauern das Einfühlen in die Hauptfiguren. Unterstützend für die figurenzentrierende Wirkung macht sich eines der bedeutendsten Merkmale des Bildes verantwortlich: das Format. Es bestimmt mit dem Seitenverhältnis 4:3 den Bildkader dahingehend, dass um die Nahaufnahmen der Charaktere herum, innerhalb des Bildausschnittes, kein Platz mehr für den sie umgebenden Raum bleibt. Der Publikumsfokus wird unweigerlich auf die Akteure gelenkt.

Die Nähe sucht die Kamera zudem nicht nur zu den Charakteren. Ebenfalls an scheinbar harmlose Gegenstände fährt sie langsam und verheißungsvoll heran, womit – gepaart mit unserer bösen Vorahnung – Spannung und Aufregung auf die Spitze getrieben werden. Wir als Zuschauer lernen, dass Pennywise an Orten in Erscheinung tritt, wo er logisch nicht sein könnte – wie zum Beispiel in Waschbeckenabflüssen. Dies erzeugt Absurdität und somit auch Unbehagen. Die Settings wirken überwiegend nüchtern und ungefährlich, was jedoch im Einklang mit der Musik Verdacht hervorruft.

Denn während des Fortverlaufs des Films spielt die musikalische Gestaltung dann doch das eine ums andere Mal ihre Stärken aus. Gelegentlich gelingt die Unterstreichung der Stimmung durch die Musik. Diese ‚mood technique‘ wird mithilfe der Anlehnung der Klänge an sogenannte Cluster (eine Kompositionsform der Filmmusik aus den 1960ern) erreicht. Spannung wird durch die erzeugten Dissonanzen übertragen, die mit harmonischen Klängen alternieren und in ihrem Wechselspiel scheinbar sichere Situationen verdächtig erscheinen lassen. Tritt Pennywise in Erscheinung, unterstreicht die Musik weder überspitzt noch zurückhaltend durch abgerissene Klänge ohne Melodiefluss den schaurigen Charakter seines Verhaltens.

Für das letzte Quäntchen Furchtfaktor sorgen das bunte Kostüm von Pennywise, das in totalem Kontrast zu seinen Taten steht; die zunehmende Offenbarung seiner psychopathischen Charakterzüge und die wertigen Effekte.

Das Schlusswort zum Ende

Leider hält „Stephen Kings Es“ nicht durch, was er über die langen Strecken seines Mittelteils leistet. Das Ende des Streifens wirkt ernüchternd und ließ mich schlussendlich mit dem Gefühl zurück, dass die Skepsis vom Beginn doch ein Stück weit berechtigt gewesen ist. Es ist die nicht aufrechterhaltene Qualität der Animationen und die Plötzlichkeit, mit der der Film beim Showdown überstürzt seinen Spannungsbogen zum Abschluss schlagen will. Mehr soll an dieser Stelle nicht über den Ausgang des Films verraten werden – für alle, die sich den Klassiker vor Erscheinen seines Remakes noch einmal zu Gemüte führen wollen. Berechtigterweise, denn sehenswert ist „Stephen Kings Es“ allemal. Er braucht nur etwas von der Frische moderner Filmarbeit, um heute noch mit einer der Romanvorlage angemessenen Spannung zu brillieren, was der am 28.09. in die deutschen Kinos kommende Neuverfilmung ihre Berechtigung erteilt.

Courtesy of Warner Bros. Pictures and New Line Cinema
BILL SKARSGÅRD als Pennywise im New Line Cinema Thriller “Es” von 2017

Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag von Philipp Kürth. Er ist auch auf seinem Blog objectperspective erschienen.

Bilder: © 2017 WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC. AND RATPAC-DUNE ENTERTAINMENT LLC.  ALL RIGHTS RESERVED

Über den/die Autor/in

Phillipp Kürth
Phillipp Kürth

Ich bin Phil, Weblog-Verfasser von objectperspective.com, wo ich die Perspektive auf das ausrichte, was wir aus dem Kinogeschehen in Bezug auf Filmkunst oder für den eigenen Gang durchs Leben lernen können. Welche Qualitäten machen die Geschichte eines Charakters erzählenswert und wie bestreiten unsere Filmhelden ihren Werdegang? Das ist die Frage, der ich nachgehe, um gutes Kino zu beurteilen.

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