Das Herz eines ganzen Genres – Spider-Man Filme im Rückblick

Als 2002 die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft über die Kinoleinwand schwang, glaubte fast niemand an einen großen Erfolg. Superhelden-Filme waren zwar kein Zuschauergift, aber Studiobosse rechneten auch nicht mit einer Massenhysterie. Das änderte sich, als Sam Raimis Spider-Man über 800 Mio. US-Dollar einspielte, damals noch ohne 3D-Bonus. 15 Jahre später kommt der zweite Neustart in die Kinos und es stellt sich die Frage, wo die Begeisterung für den Jungen aus Queens eigentlich herkommt. Nicht, weil Peter Parker die beste Action hat, nicht weil er die hinterlistigsten Bösewichte bekämpft und auch nicht, weil er die lustigsten Sprüche kennt. Peter Parker begeistert uns, weil er der menschlichste Superheld ist.

Ob auch der dritte Kino Spider-Man die Gunst der Zuschauer gewinnen kann?

Verworrene Produktionen mit Tom Cruise und James Cameron

Bevor es aber um Spider-Mans Psyche geht, lohnt sich ein Blick auf die schwierige Produktion der Filme. Die Kinogeschichte der von Stan Lee und Steve Ditko erdachten Figur beginnt nämlich in den 80er Jahren. Marvel verkaufte 1985 die Rechte einer ihrer beliebtesten Superhelden an Canon Films, eine Firma, die für Action-B-Movies wie American Ninja bekannt war. Die Gründe dafür waren mehr finanzieller als kreativer Natur. Damals waren Comicverfilmungen noch kein Garant für einen Erfolg und kurz zuvor floppte Superman 3 an den Kinokassen. Allzu viel Vertrauen hatte man daher nicht in den Wandkrabbler – trotz seiner Beliebtheit im Comicbereich und einigen Auftritten im Fernsehen. Canon Films war allerdings überzeugt und planten einen Film mit einem Budget zwischen 15 und 20 Mio. Dollar – für damalige Verhältnisse eine durchaus hohe Summe.

Während der Produktion änderten sich mehrmals Drehbuch und Besetzung. Anfangs wich der Kino-Spider-Man erheblich von seinem Comicvorbild ab. Ähnlich wie in Die Fliege, sollte aus Peter Parker ein insektoides Monster mit acht Armen werden. Später fanden die Produzenten wieder zu den Ursprüngen zurück, mit Peter Parker als College-Student und mit zwei Armen. Der schwer angesagte Tom Cruise war lange Zeit für die Hauptrolle im Gespräch. So richtig los ging die Produktion aber nie. Ende der 80er Jahre landeten die Rechte an Spider-Man bei der Firma 21st Century Film Corporation. Terminator-Regisseur James Cameron verfasste einige Zeit später sogar ein Script mit Electro und Sandman als Bösewichte. Aber auch diesmal steckte scheinbar viel Sand im Produktionsgetriebe – ein Starttermin wurde nie angekündigt. Nachdem auch 21st Century keine stimmige Version hervorbringen konnte und Marvel 1998 kurzzeitig Bankrott ging, setzte sich das Sony Tochterunternehmen Columbia Pictures durch und war schließlich berichtigt, Spider-Man auf die silberne Leinwand zu bringen.

Als potenzielle Kandidaten für den Regiestuhl sprach Columbia unter anderem mit Roland Emmerich, Chris Columbus, Ang Lee, M. Night Shyamalan und David Fincher. Fincher wollte keine klassische Origin-Geschichte erzählen, sondern direkt den Comic „The Night Gwen Stacy Died“ verfilmen. Die Studiobosse lehnten allerdings ab. Am Ende bekam der Evil Dead (Tanz der Teufel) Macher Sam Raimi den Zuschlag. Seine Version schaffte es dann nach über 17 Jahren Odyssee endlich in die Lichtspielhäuser.

Peter Parker ist ein Looser

Die Leiden des jungen P. Kaum ein Superheld verdrückte mehr Tränen.

Aus heutiger Sicht hat die Ursprungs-Trilogie kaum etwas von ihrer Faszination verloren. Stärken, wie die vielschichtigen Charaktere, der lockere aber gleichzeitig emotionale Grundtenor und die mitreißende Action sind kaum bis wenig gealtert. Regisseur Sam Raimi entschied sich für den ersten Teil der Spinnen-Saga, keine einzige Szene, die ausschließlich aus Computereffekten besteht, zu drehen. Bei jeder Häuserschlucht-Akrobatik wurden immer praktische und digitale Tricks (CGI) vermischt. Auch wird bei dem Kampf zwischen Grünem Kobold und Spider-Man nie zu sehr auf das Spektakel gezielt, sondern in erster Linie steht die Dramaturgie der Action im Vordergrund. Viele Scharmützel sind für die Möglichkeiten von Spider-Man daher fast schon „bodenständig“. Für verwöhnte Action-Augen mag das vielleicht etwas enttäuschend sein, allerdings sehen die Szenen dadurch auch heute noch relativ echt aus. Kein Vergleich zu anderen Action-Filmen der frühen 2000er (beispielsweise Matrix Reloaded). Für Teil zwei und drei wurde das Budget und der Anteil von CGI zwar hochgeschraubt, doch fällt das nur in einigen wenigen Szenen auf, in denen Spider-Man oder seine Widersache digital ersetzt wurden. Bis auf diese Ausnahmen sind alle drei Teile heute noch äußerst ansehnlich.

Die wichtigste Entscheidung, die Raimi und sein Team trafen, betrifft allerdings den Hauptcharakter selbst und seine Besetzung: Tobey Maguire. Anders, als viele seiner Marvel und DC-Kollegen reagiert Peter sehr viel sentimentaler auf Rückschläge. Maguires Parker ist eine regelrechte Heulsuse, die bei jedem Anflug von Emotionalität die Tränendrüsen anwirft. Die Kamera liebt geradezu das verheulte Gesicht des Hauptdarstellers – so häufig wird es in Nahaufnahmen gezeigt. Als Spider-Man ist er deswegen auch viel zurückhaltender und weniger schnippisch gegenüber seinen Gegnern, als es die Vorlage vorschreibt. Es wäre allerdings auch merkwürdig gewesen, wenn Peter Parker zum Sprücheklopfer wird, sobald er den rotblau gefärbten Spandex-Anzug anzieht und sonst eher ein Freund von Traurigkeit ist. Zudem inszeniert Raimi ihn von Anfang bis Ende als Sonderling. So ist das Erste, was Peter hört, als er in der Schule seine Kräfte einsetzt: „Wirklich Parker, du bist ein Freak“. Auf dem College wird er von seinen Mitschülern gemobbt und als „Evil-Emo-Parker“ schauen ihn die Leute angewidert an.

Das eckt natürlich im Vergleich mit Charmebolzen wie Tony Stark oder Steven Strange an, doch ist Maguires Interpretation dadurch ein echtes Unikat im Superheldendschungel. Aber auch deshalb wirkt sein Spider-Man viel heroischer, wenn er seine Ängste und Zweifel überwindet. Insbesondere der famose zweite Teil ist eine Meisterleistung in Sachen Abwechslung, Drama und Pathos. Szenen, wie die Offenbarung Peters Mitschuld am Tod seines Onkels gegenüber Tante May sind herzzerreißend ehrlich inszeniert und wirken nicht wie eine simple Studioentscheidung, um nochmal schnell eine emotionale Ansprache ins Drehbuch zu pressen.

Sam Raimi liebte es, seine Horror-Reihe Evil Dead zu zitieren. Auch aus diesem Grund fühlt sich sein Spider-Man heute noch so einzigartig und verspielt an.

Etwas aus der Zeit ist Kisten Dunsts, Marie Jane, gefallen. Ihre Figur ist leider nichts weiter, als ein Spielball für Held und Schurken. Sie definiert sich fast ausschließlich über ihre männlichen Freunde und handelt so gut wie nie eigenständig. Geradezu lachhaft oft, wird sie vom Bösewicht entführt und muss auf ihre Rettung warten. Und natürlich ist der berüchtigte dritte Teil insgesamt eine Enttäuschung. Spider-Man 3 hat große Probleme, sein überfrachtetes Drehbuch zu stemmen und ist dadurch viel zu oft einfach unlogisch und lässt sich nicht mehr die Zeit, seine emotionalen Konflikte richtig auszuspielen. Wo Raimi zuvor meisterhaft sein Superhelden-Theater jonglierte, kommt er hier arg ins Straucheln mit drei Schurken und mehreren separaten Handlungssträngen. Nur Szenen, wie etwa die Geburt von Sandman und die Chemie zwischen den Hauptdarstellern machen aus Spider-Man 3 keine Katastrophe. Die Qualität der Vorgänger erreicht er aber leider bei weitem nicht.

Spider-Man muss Amazing werden

Eigentlich war noch ein vierter Teil mit Raimi, Maguire und Dunst geplant. Doch nach mehreren gescheiterten Drehbuchentwürfen, in denen John Malkovich den Mecha-Geier Vulture spielen solle, entschied sich Sony für einen Neustart der Serie. Nach dem Erfolg von The Dark Knight sollte Spider-Man düsterer werden und man schaute auch neidisch auf das Marvel Cinematic Universe (MCU). 2010 wurde (500) Days of Summer Regisseur Marc Webb (sein Nachname hat wahrscheinlich auch ein bisschen geholfen) auserkoren, eine neue Version ins Kino zu bringen: The Amazing Spider-Man.

Nach The Amazing Spider-Man 2 sollten noch viele weitere Fortsetzungen und Spin-Offs folgen. Doch die Pläne wurden nach einem zu geringen Einspielergebnis verworfen.

Andrew Garfield schlüpft nun in die Rolle von Peter Parker und Emma Stone mimt seine Freundin Gwen Stacey. Und bei aller Kritik an dem Reboot liegt bei diesen beiden die größte Stärkere Filme. Wenn sie zusammenspielen, strahlen sie eine Naivität und Lockerheit aus, die den jugendlichen Geist der Vorlage wunderbar einfängt. Gwen Stacey hat ihren eigenen Kopf und darf sich nicht nur von Spider-Man retten lassen. Tante Mays Ansprachen sitzen auch hier noch und Peters Suche nach dem wahren Grund für das Verschwinden seines Vaters, lassen ihn auch wieder verletzlich wirken.

Von der angekündigten düsteren Version von Spider-Man lässt sich aber nicht viel erkennen. Klar sind die Bilder und die allgemeine Farbgebung im Vergleich zur Raimi-Version spürbar dunkler geworden. Die dargestellten Thematiken und Figuren bleiben davon aber fast unberührt. Mit Doc Ock hat die Original Trilogie auch eine Figur, mit deren Tragik keine einzige der Figuren aus The Amazing Spider-Man mithalten kann. Insgesamt fehlt dem Neustart das gewisse Etwas. Alles wirkt irgendwie rundgelutscht und beliebiger. Die emotionalen Schläge liegen deswegen nicht ganz so schwer in der Magengrube.

The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro hat darüber hinaus große Probleme, sein überfrachtetes Drehbuch zu stemmen und ist dadurch viel zu oft einfach unlogisch und lässt sich nicht mehr die Zeit, seine emotionalen Konflikte richtig auszuspielen. Wiederhole ich mich da etwa? Genau wie Spider-Man 3 wiederholen die Macher dieselben Fehler und wollen mit einem Film viel zu viel. Neben der Peter-Gwen Story, wird Electro als Bösewicht etabliert, Harry Osborn will ebenfalls ein bisschen böse sein, Peters Vater Richard hat noch ein paar Geheimnisse versteckt und Rhino gibt es ja auch noch. Es ist überdeutlich, dass Sony mit Teil 2 ein Spider-Man Universum mit zig Spin-Offs und Sequels starten wollte. All die guten Ideen versickern dadurch beim Versuch des Franchisings.

Der Junge kehrt nach Hause zurück

Nachdem 2014 The Amazing Spider-Man 2 bei Kritikern durchfiel und Sony die Einnahmen von über 700 Mio. US-Dollar (mit 3D) zu wenig waren, wurde noch einmal umgeplant. Spider-Man-Bösewichte wie Venom sollen weiterhin ihre eigenen Filme bekommen, doch Spidey selbst darf wieder bei den Marvel Studios (Disney) mitschwingen als Teil eines Deals zwischen Sony und Disney. Marvel integrierte ihn auch gleich mit Tom Holland im MCU Film Captain Amercia – Civil War. Mit Spider-Man: Homecoming startet in Kürze auch der erste Solofilm unter Disneys Flagge.

Warum also dieses ständige hin und her? Wozu all der Aufwand für diese eine Figur? Weil selbst die schwachen Spider-Man-Filme verstanden haben, was ihn so einzigartig macht. Kaum ein anderer Superheld hat mit so vielen alltäglichen Problemen zu kämpfen und muss sich so oft die Frage stellen, was ihm wichtiger ist. Peter Parkers Abenteuer sind im besten Fall vollgestopft mit Empathie und Herz. Sie erinnern uns daran, dass wir es genießen, wenn die Pathoskeule richtig geschwungen wird und wir in eine Welt entführt werden wollen, in der sich jemand tagtäglich heroisch auf Schurken stürzt. Der neue Spider-Man wird das hoffentlich auch verstehen. Bei guten Figuren ist es wie mit guten Geschichten – sie altern nicht und können selbst nach der x-ten Neuauflage noch begeistern.

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Titelbild: © 2017 COLUMBIA PICTURES INDUSTRIES
                  ©  1981 New Line Cinema

Über den/die Autor/in

Martin Dietrich
Martin Dietrich

Martin Dietrich war beim Filmmagazin erst nur ein kleines Licht. Durch eine sehr intelligente und unblutige List konnte er sich den zweiten Moderationsplatz ergattern. Jetzt geht er auch nicht mehr weg und lässt jeden wissen, dass Tom Hardy und Emma Stone als Götter vom Himmel herab kamen und uns den Film schenkten.

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