“4Blocks” – Serientipp

Abbas Hamady schaut tief in die Augen seines Bruders Toni. Seine Körpersprache macht deutlich, was er von seinem großen Bruder mittlerweile hält. Nicht mehr viel. Seiner Meinung nach, ist er weich geworden. Die vier Blocks in Berlin-Neukölln, die der Hamady-Clan kontrolliert, sind zum Zentrum eines Bandenkonflikts geworden. Ein Ausbruch der Gewalt ist scheinbar unvermeidlich. Nach Abbas braucht es jetzt einen neuen Anführer – ihn.

Das ist nur ein Konflikt in der TNT-Serie 4Blocks, die ihre Premiere auf der Berlinale feierte. Für eine Serie ist das durchaus ungewöhnlich, für eine deutsche Serie erst recht. Kritiker und Zuschauer zeigen sich auch begeistert vom „deutschen Gomorrha“. Die Geschichte rund um den Gangster-Clan der Familie Hamady ragt also in der hiesigen Serienlandschaft aus Kriminalfällen und Arzt-Schmonzetten hervor. Aber ist es auch echtes „Quality TV“ oder doch nur gähnende Leere nach Schema Notruf Hafenkante?

Nein, zum Glück nicht. Die bisherigen sechs Folgen der ersten Staffel sind ganz, ganz großes Fernsehen. Tatsächlich gelingt den Machern eine Serie, die ab der ersten Minute authentisch, roh und kernig zu gleich ist, ohne auch nur ein Stück weit aufgesetzt zu wirken. Klar, die Figuren hinter der Gangstergeschichte hat man als Toni Soprano, Michael Corleone oder Henry Hill schon mal irgendwo in ihren Grundzügen gesehen. Hinter den Klischees verstecken sich aber viele tolle Charaktere mit interessanten Einzelschicksalen, die Licht auf ein Milieu werfen, das noch viel zu selten Mittelpunkt heimischer Serien und Filme ist. Filigran wird dabei ein Netz aus Familie, Freunden, Feinden und dem Widerspruch, sich in die Gesellschaft einzuordnen wollen und ihr gleichzeitig zu schaden, gespannt. 4Blocks leistet hier einen tollen Nährboden für spannende Diskussionen.

Die Schauspieler um Dauer-Berliner Frederick Lau überzeugen ebenso wie die Geschichte. Einige Mitglieder der Hamady-Familie werden auch von Schauspiel-Debütanten gespielt, die sich zuvor als Gangsterrapper einen Namen gemacht haben. Und das hätte ganz leicht, sehr peinlich wirken können, wenn Großkotz-Attitüden auf eigentlich vielschichtige Figuren treffen. Doch schaffen es Veysel Gelin und Wasiem Taha alias „Massiv“, ihren Hamadys genau die richtige Portion Charisma und Tiefe zu geben.

Bis auf ein etwas forciertes Ende mit einigen fragwürdigen Entscheidungen seitens der Hauptcharaktere kann man 4Blocks kaum eine Schwäche attestieren. Regisseur Marvin Kren und sein Drehbuchteam ist insgesamt eine ausgezeichnete Serie gelungen, die qualitativ hoffentlich viele Nachahmer findet.

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Titelbild: © TNT Serie (OPTN – Turner)

Über den/die Autor/in

Martin Dietrich
Martin Dietrich

Martin Dietrich war beim Filmmagazin erst nur ein kleines Licht. Durch eine sehr intelligente und unblutige List konnte er sich den zweiten Moderationsplatz ergattern. Jetzt geht er auch nicht mehr weg und lässt jeden wissen, dass Tom Hardy und Emma Stone als Götter vom Himmel herab kamen und uns den Film schenkten.

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