Unsere Meinung zum ersten Trailer von “Blade Runner 2049”

Wir reden über Blade Runner. Ja, genau den legendären Blade Runner von Ridley Scott. Auch wenn der Film im Jahr 1982 finanziell floppte, gilt er heute als ein klassisches Meisterwerk der Filmgeschichte. Mit kluger Handlung, vielen Metaphern und gesellschaftskritischem Ansatz. Gestern wurde nun der erste Trailer zur Fortsetzung “Blade Runner 2049” veröffentlicht. Wir haben ihn uns natürlich äußerst kritisch angeschaut und berichten Euch davon.


Ilja

„Do Androids Dream of Electric Sheep?“ ist der Titel der Romanvorlage von Philip K. Dick zu “Blade Runner”. Allein der Titel wirkte für mich damals, als kleiner Bub’, faszinierend. Bis ich aber zum lesen kam, vergingen noch einige Jahre und bis ich mit dem Film warm wurde, vergingen gefühlt noch mehr Jahre. Mittlerweile bin ich wahrscheinlich im „richtigen“ Alter, um die Dystopie und die philosophischen Ansätze dahinter zu mögen. Ist der Mensch besser, obwohl er tötet? Was bedeutet Unsterblichkeit? Und ganz aktuell, als Student für visuelle Kulturen, die Bedeutung von Sehen und Erinnerung. Kein anderer Film hat so viel Dichte und bedrückende Atmosphäre mit so wenigen Worten und ruhigen Szenen aufgebaut. Nach gut 35 Jahren bin ich mehr als heiß auf die Fortsetzung. Vor allem mit dieser Crew. Denis Villeneuve auf dem Regiestuhl, an der Kamera Roger Deakins und vor der Kamera Ryan Gosling, Robin Wright und Harrison Ford, natürlich als Deckard – der Kopfgeldjäger. Kann ja eigentlich nichts schief gehen, würde man tiefer in das düstere, dekadente Los Angeles abtauchen.

Zunächst das Gute: Villeneuve scheint die Welt auch im Jahr 2017 gut einzufangen. Alles wirkt dreckig und verrucht. Hinter jeder Ecke scheint die Welt immer mehr im Chaos zu versinken. Vor allem die Szenen im Dunkeln entfalten ihre Wirkung ganz im Sinne der Film noir. Im Kontrast dazu stehen die Szenen im hellen. Sie wirken fast schon unpassend bzw. als kämen sie aus einem anderen Film. Ich bin gespannt, ob das im fertigen Werk noch besser wirkt. Des Weiterem taucht noch ein weiterer Charakter aus dem ersten Werk auf: Gaff. Dieser hatte schon damals eine etwas geheimnisvollere Rolle eingenommen. Vielleicht erfährt man über ihn noch etwas mehr. I like.

Leider gibt es auch einige Dinge, die mich den Voight-Kampff-Test nicht bestehen lassen würden, da sie mich einfach kalt lassen. Zum einen wirkt die Geschichte in den ersten Zügen arg hanebüchen. Es wird ein Geheimnis entdeckt, das die Gesellschaft endgültig ins Chaos stürzen würde. Warum? Ersthaft. Warum? Im Original hat mir genau das Gegenteil gefallen. Es war eine Geschichte des Blade Runners, nicht DIE EINE, alles verändernde, die Welt ins Chaos stürzende Geschichte. Eine Geschichte von vielen in dieser Dystopie. Unnötiger Epos. Ein anderer Punkt ist die „notwendige“ Action. Da fliegen Leute durch die Luft und Wände splittern. Scheinbar muss das heutzutage sein, ohne wenn und aber. Dabei hatte gerade die fast vollständige Abstinenz solcher Momente im Original einiges an Stimmung aufgebaut. Ich hoffe, der Einsatz dieses Mittels wird sich in Grenzen halten. Insgesamt bin ich dennoch guter Dinge. Der Cast macht mir Spaß, die Stimmung passt, es darf nur von den neuen Sachen nicht zu viel sein. Ein Revolution des Cyberpunks erwarte ich jedoch nicht von Blade Runner 2049.


Anne

Ich kann nicht so weit ausholen, wie Ilja. Schließlich ist Blade Runner sehr lange an mir vorbeigegangen. Erst in Vorbereitung auf unsere Science Fiction Sendung habe ich den Film geschaut. Den Nerd in mir habe ich erst spät entdeckt. Blade Runner (1982) zeichnet eine absurde Dystopie, vor allem wenn man bedenkt, dass zwischen dem Jahr in dem ich ihn gesehen habe und dieser ominösen Zukunft, in der er spielen soll, gerade mal 4 Jahre liegen. Er zeigt die ferne Zukunft durch die 80er-Brille und das ist durchaus charmant. Trotz fliegender Autos und leicht überspielter Kampfmoves hat mich vor allem die Thematik interessiert. Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Menschen und Replikanten? Und wer ist moralisch überlegen? Nur den super evil Bösewicht hätte es für mich nicht gebraucht.

Aber nun zur Fortsetzung, die im Sommer in die Kinos kommen soll. Diesmal scheinen die Replikanten  noch menschlicher zu wirken, was die moralische Ebene vertieft. Warum bilden wir uns nochmal ein, dass wir besser sind?  Schön finde ich, dass man sich wieder der Synthi-Achtzigerjahre-Vision hingibt, das wirkt gut und schafft, wie im ersten Film, diese unglaublich bedrückende Stimmung. Unschlüssig bin ich mir allerdings bei der Rolle von Harrison Ford. Entweder bietet sie eine schöne Anknüpfung zum Ur-Blade-Runner, oder sie versucht mit Rosa-Brille dem Retro-Hype des aktuellen Remake-Wahns hinterherzurennen. Da lässt sich vong Trailer her keine klare Aussage treffen.

Knackpunkt könnte auch in der neuen Version wieder der Bösewicht sein. Eindimensionale Bösewichte finde ich nicht sonderlich interessant. Es deutet sich der deutsche Urbösewicht aus James Bond an, der sich langsam in seinem Chefsessel umdreht, während er ein flauschiges Kätzchen streichelt und plant, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Fazit: Schauen möchte ich den Film auf jeden Fall, allerdings muss ich dafür nicht unbedingt ins Kino rennen. Ich habe genug Geduld, um zu warten, dass er auf dem Streamingdienst meiner Wahl verfügbar wird.

[Anm. d. Red.: Für Euch und das Filmmagazin wird Anne den Film natürlich trotzdem im Kino sehen. Versprochen!]


Martin

Was? Es ist schon 35 Jahre her, seit der Blade Runner Rick Deckard die Grenze zwischen Mensch und Maschine auslotete? Naja. Besser gesagt, überließ das der Hauptcharakter im Science-Fiktion-Klassiker lieber der tollen Welt und ihren obskuren Bewohnern. Frei nach der Regel „Show, don´t tell“, erzählte Blade Runner seine Geschichte über viele kleine und große Gesten und über sein fantastisches Set-Design im Dauerregen. Auch, wenn ich selbst nicht restlos vom Film begeistert bin, sehe ich doch die Elemente, die Ridley Scotts Opus zum Meisterwerk gemacht haben. Die Erzählung ist aus aktueller Sicht zwar etwas angestaubt und manchmal arg wage, doch auch in 50 Jahren wird Blade Runner sicherlich noch Zuschauer faszinieren.

Ob das auch für die Fortsetzung gelten wird? Nach dem ersten Trailer lässt sich zumindest vermuten, dass hier großes warten könnte. Die Bilder sind einfach fantastisch und schaffen scheinbar mühelos, die Optik des Klassikers wiedereinzufangen. Regisseur Denis Villeneuve belässt es aber nicht dabei, einfach nur zu zitieren, sondern findet mit seinem Kameramann auch viele eigenständige Bilder. Das darf im fertigen Film gern genauso aussehen und da Villeneuve seine schönen Bilder auch einzusetzen wusste und nicht nur zum Selbstzweck vor sich hin filmte (ja, Ghost in the Shell, ich meine dich!), erwartet uns hoffentlich auch eine spannende Geschichte.

Mit Harrison Ford, Ryan Gosling, Jared Leto, Robin Wright und Dave Bautista sieht auch die Schauspielbank alles andere als unbegabt aus. Die wichtigste Frage bleibt aber für mich, ob eine klassische Cyperpunk-Geschichte (mitsamt Mensch-Maschine-Problematik) heutzutage überhaupt noch begeistern kann. Serien wie Westworld klamüsern diesen Konflikt bereits mit aller Finesse und Geduld aus. Videospiele wie Deus Ex: Mankind Divided addieren dazu gesellschaftliche Umwälzungen, wie die der Apartheid und seit Blade Runner gab es unzählige Filme mit ähnlichen Fragen (A.I., Terminator, Ex Machina, Chappie, ….). Die waren natürlich alle mal mehr, mal weniger gelungen. Ein weiteres Cyberpunk-Meisterwerk kann die Welt aber sicherlich noch gebrauchen. Also Herr Deckard, ich hoffe, sie sind noch nicht eingerostet!

Still aus dem Trailer

PS: Selbst wenn der Film großer Androiden-Schrott wird, dann bekommen wir hoffentlich wenigstens erklärt, warum es Atari im Jahre 2049 noch gibt. Ich meine, hallo? Dass es sie 2019 noch gibt, okay. Aber nicht noch weitere 30 Jahre – unmöglich.

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Titelbild: © 2017 Sony Pictures Releasing GmbH

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