Im Würgegriff der Marvel-Formel: Guardians of the Galaxy Vol. 2

15 Filme. In Worten: Fünfzehn Filme. So viele Superheldenfilme flimmerten bisher unter der Flagge des Marvel Cinematic Universe (MCU). Milliarden werden in die Filme gepumpt und noch mehr Milliarden kommen wieder heraus. Das gelingt auch nur mit der richtigen Idee oder besser gesagt mit der richtigen Formel. Diese Formel ist die Dauerangriffsfläche für Kritik und kaum ein Film zeigt die Auswirkungen dieses engen Korsetts so deutlich wie Guardians of the Galaxy Vol. 2.

Die verschrobenen Charaktere überzeugen auch diesmal mit ihrem unnachahmlichen Charme.

Der Gleichmacher

Das erstaunliche an dieser oft kritisierten Formel ist, wie simpel sie eigentlich ist. So hat es Marvel geschafft keinen einzigen richtigen Flop in die Kinos zu bringen – sowohl aus kommerzieller als auch aus Kritikersicht. Ihr offenes Geheimnis sind die Hauptcharaktere. Seit Iron Man versucht jeder Marvel-Film so viel Zeit wie möglich mit der Hauptfigur zu verbringen. Alles um sie herum wird dahingehend aufgebaut. Die Ticks, Eigenheiten, Schwächen und Stärken der Tony Starks, Thors und Ant Mans bestimmen die Handlung um sie herum. Tony kämpft in allen Iron Man-Teilen mit seinem überdimensionalen Ego und Thor muss erst lernen, was es heißt, ein Gott zu sein. Ihre Konflikte als Mensch und Superheld sind letztlich die Story-Hamsterräder, die sich ewig weiterdrehen. Klar, in jeder Geschichte stehen die Hauptdarsteller im Fokus, nur bei Marvel werden alle anderen weitestgehend klein gehalten bzw. ignoriert. Da verwundert es nicht, dass die Bösewichte erzählerisch dann so häufig enttäuschen. Sie bekommen einfach nicht genügend Zeit, eine wirklich wichtige Rolle in der Geschichte zu spielen. Häufig sind sie nur ein Mittel zum Zweck, um eine zielgerichtete Handlung zu erzählen, nicht aber um als eigenständige Figur zu funktionieren, an der der Held scheitert und wächst. Die X-Men machen es mit Magneto oder Batman mit dem Joker beispielsweise anders. Sie sind ein Spiegelbild ihres Helden und funktionieren ohne ihn gar nicht. Kein Ansatz ist besser als der andere und beide führen dann hoffentlich auch zum selben Ergebnis: einen tollen Hauptcharakter zu schaffen. Der Erfolg und die Beliebtheit der Marvel-Helden zeigt auch, dass es funktioniert hat.

Der zweite wichtige Eckpfeiler der Marvel-Formel ist der omnipräsente Humor. Meistens in Verbindung mit dem ebenfalls omnipräsenten Helden, der sich immer bewusst ist, wie lächerlich das hier gerade ist. Alles kann auf die Schippe genommen werden und über den sinistere Plan des Bösewichts kann herzlich gelacht werden. Die Komik ist kein auflockerndes Element im Film, sondern Charaktereigenschaft eines fast jeden Marvel-Helden. Ant-Man macht sich über seinen Namen lustig, Captain America versteht keine 80er-Jahre-Anspielungen und Dr. Stranges Fiesling und Weltenfresser Dormammu grüßt ein paarmal zu oft das Murmeltier. Das ist alles auch meistens lustig und unterhaltsam, nur wirkliche Tragik kann dadurch nie aufkommen. Nur ganz, ganz selten darf das MCU mal konsequent sein und einen emotionalen Moment ohne Witz beenden. Immer steht die Lockerheit und Leichtigkeit des immer gleichen Witzschemas im Vordergrund.

Obwohl sich Marvel dramaturgisch häufig wiederholt, schaffen sie es aber jeden Einzelfilm eine eigene Identität zu geben und können ihn so ab dem ersten Trailer dem geneigten Fan verkaufen. Sie verbinden das Genre des Superheldenfilms mit einem Subgenre, das sich organisch einfügt und kaum merkbar eine homogene Masse ergibt. Thor leiht sich Aspekte aus einem Shakespearesken Drama und macht daraus eine kleine Familienfehde. Ant-Man wird zum Heist-Movie alla Oceans und Captain America 2 mixt eine gehörige Portion Bourne und Überwachungsthriller in den Superhelden-Kochtopf. Sie alle entfernen sich aber nie zu weit von ihren Ursprüngen und bleiben trotz der unterschiedlichen Herangehensweisen verblüffend ähnlich. Dafür ist Kevin Feige verantwortlich, der Mastermind hinter den Kulissen. Er überwacht alle Marvel-Produktionen und passt auf, dass sich kein Held zu sehr von den anderen unterscheidet.

Marvel-Chef Kevin Feige kontrolliert alle Produktionen und hält das Filmuniversum zusammen.

Getrennt und doch zusammen

Was heißt das jetzt alles für den zweiten Teil der galaktischen Wächter? Der erste Teil erzählte zwar eine Geschichte nach Schema F mitsamt mysteriösem MacGuffin, hatte dafür allerdings unverschämt charmante und exotische Helden auf seiner Seite. Der Nachfolger macht genau dort weiter und verzichtet aber lange Zeit auf einen wirklichen Bösewicht oder eine rasante Handlung, die möglichst schnell hin und her springt und bloß nicht langweilen will. Die Heldentruppe wird nämlich ähnlich, wie in „Das Imperium schlägt zurück“ aufgeteilt und muss im wortwörtlichen Sinne erst wieder zueinanderfinden. Die Struktur des Films ist dadurch merklich entschleunigt und kann ihre Stärken im Spiel zwischen den Charakteren noch mehr ausspielen. Die Frotzeleien und Wortgefechte profitieren von diesem, für einen Marvel-Film ungewöhnlichen Verlauf, da ihnen mehr Platz eingeräumt wird, statt der nächsten Actionsequenz hinterherzujagen. Nachteil ist natürlich, dass der Mittelteil des Films dadurch auch langweilen kann, wenn der Witz mit Waschbär und Baum nicht mehr ganz so häufig zündet.

Leider steht sich der Film damit aber auch selbst im Weg. Guardians of the Galaxy Vol. 2 feuert mit der Gatling-Gun seine Gags ab und lässt kaum Luft zum Atmen. Kaum eine Szene wird ohne kecken Spruch abgeschlossen und jeder Anflug von Emotionalität wird untergraben mit der nächsten ironischen Brechung. Das ist umso trauriger, da der Großteil der Witze wirklich schreiend komisch ist und jeder Darsteller den humoristischen Kern seiner Figur trifft. In der Masse der Witze fühlt man sich oftmals erschlagen und kann mit den Figuren zwar lachen, aber nicht mitfühlen oder ist gespannt auf die Konsequenz, die die Figuren wohl erleiden müssen. Im letzten Drittel kommt es dann auch zum obligatorische Effekt-Feuerwerk, welches sich mit Spezialeffekten zu überbieten versucht. Im Finale wird Guardians 2 wieder zum üblichen Marvel-Verdächtigen, der seinen Bösewicht möglichst schnell abfrühstücken will.

Regisseur James Gunn traut sich mit der grundlegenden Struktur des Films einiges und schafft einen hinreißend leichtfüßigen Film, der damit die Grenzen der Marvel-Formel wunderbar offenlegt. Sie alle sind unterhaltsam, charmant und frech, aber irgendwie auch austauschbar – trotz der obskuren Figuren. Oder wie es Groot sagen würde: „I am Groot.“

Wunderschön und doch ein bisschen verloren.

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Bilder: © Marvel Studios 2017
             © Alberto E. Rodriguez/Getty Images for Disney 2014

Über den/die Autor/in

Martin Dietrich
Martin Dietrich

Martin Dietrich war beim Filmmagazin erst nur ein kleines Licht. Durch eine sehr intelligente und unblutige List konnte er sich den zweiten Moderationsplatz ergattern. Jetzt geht er auch nicht mehr weg und lässt jeden wissen, dass Tom Hardy und Emma Stone als Götter vom Himmel herab kamen und uns den Film schenkten.

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